Heute ist das 25. Jubiläum des Mauerfalls. Als die Mauer fiel und den Osten nicht mehr vom Westen trennte, war ich ein kleiner Fötus im Bauch meiner Mutter. Seit Samstag stehen in ganz Berlin erleuchtete Ballons auf ca. 15 km und bilden eine Lichtgrenze an den Stellen, an denen die Mauer stand. Jedes Mal, wenn wir in den letzten beiden Tagen daran vorbeigefahren sind, war meine Mutter ganz aufgeregt und freute sich darüber, wie schön das alles aussah. Sie dachte an den Tag, als die Mauer fiel und begann uns davon zu erzählen.

Mein Vater kam 1976 als Flüchtling aus dem Libanon nach Berlin und erhoffte sich in Deutschland ein besseres Leben für sich und seine zukünftige Familie. Meine Mutter hingegen kam erst 1988 nach Deutschland, genau ein Jahr und zwei Monate bevor die Mauer fiel. Als sie an ihrem ersten Tag in Deutschland spazieren ging, ärgerte sie sich über die Mauer, die ihnen viele Wege versperrt hatte. Sie fühlte sich wie in einem Gefängnis. „Warum entfernen sie diese Mauer nicht?“, fragte sie meinen Vater. Der lächelte. „Die Mauer steht seit 27 Jahren. Für dich werden sie die jetzt ganz bestimmt nicht entfernen.“ Doch der Wunsch meiner Mutter ging in Erfüllung und ein Jahr später fiel die Mauer tatsächlich.

Im Jahr 1989 wurde viel darüber berichtet, erzählen mir meine Eltern weiter. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl erschien fast täglich im Fernsehen und man spürte, dass demnächst eine Veränderung in Deutschland bevorstand. Als der Mauerfall offiziell angekündigt wurde, wollten meine Eltern selbstverständlich auch dabei sein und sie fuhren zum Potsdamer Platz, an den Ort, wo heute die neue „Mall of Berlin“ steht. Überall standen Menschen mit Werkzeugen und zerschlugen die Mauer. „Es war ein merkwürdiges Gefühl, man konnte es kaum glauben. Ein Volk, das solange getrennt war, wurde an diesem Tag vereint und ich war glücklich darüber“, erzählt meine Mutter. „Dein Vater hat einen Stein, der von der Mauer stammte, auf dem Boden gefunden und ihn mitgenommen. Wir haben ihn heute immernoch. Alle Menschen waren an diesem Tag glücklich. Es war als wäre Silvester. Es ist ein großes Ereignis gewesen, das ich niemals vergessen werde.“

„Die Cola im Osten schmeckte nicht!“

Das Leben nach dem Mauerfall war deutlich anders. An den Sparkassen standen die Menschen aus dem Osten Schlange, da sie 100 DM Begrüßungsgeld erhielten, erzählte sie weiter. Die Regale in den Supermärkten waren teilweise leer. „Vor allem Bananen und Ananas waren sofort ausverkauft“, sagt meine Mutter. Ich frage sie, ob sie denn oft im Osten gewesen sind. „Ja, wir waren ab und zu da drüben. Wir beantragten ein Visum und fuhren rüber. Es fühlte sich an, als wäre man in einem anderen Land. Die Straßen waren nicht gut. Alles sah anders aus. Die Menschen, das Essen… Die Cola schmeckte überhaupt nicht! Es fühlte sich an, als wäre man nicht in Deutschland. Es war nicht so entwickelt, wie im Westen. Auffällig waren vor allem die Trabbis. Solche Autos gab es bei uns nicht.“ Jedes Mal, wenn man in Westberlin mit der U-Bahn an den Haltestellen im Osten vorbei fuhr, hielt der Fahrer nicht an und es war alles sehr düster, erzählt meine Mutter weiter. „Das machte mir immer Angst.“ Nachdem die Mauer fiel, fuhren meine Eltern öfter in den Osten. „Wir fuhren oft zum Alexanderplatz. Wir wollten den Osten besser kennen lernen.“ Wir Kinder von heute könnten uns nicht vorstellen, wie es zu dieser Zeit war. Heute sei alles selbstverständlich für uns, aber man müsse das alles erlebt haben, um das Gefühl nachzuvollziehen. Wenn sie heute diese erleuchteten Ballons entlang der Mauergrenze sehe, freue sie sich, dass wir an diese Zeit erinnert werden und diese Geschichte teilweise mitbekommen könnten.

Meine Mutter schaut nicht mehr zu mir, sondern ins Leere. „Ich bin froh, dass die Mauer abgerissen wurde. Es war für mich sehr schlimm, dass ein Volk getrennt und zu zweien gemacht wurde. Heute bin ich froh, dass das deutsche Volk wieder vereint ist. Ostberlin ist so schön mit seinen Sehenswürdigkeiten und der Geschichte, deshalb darf der Osten nicht vom Westen getrennt werden, sonst ist Berlin nicht mehr Berlin…“

In Berlin gab es zwei Länder

Auch mein Vater hat seine eigenen Erinnerungen an diese Zeit. „Natürlich haben wir uns gefreut, dass die Mauer gefallen ist, was für eine Frage!“ , antwortet er mir. „Es war wie ein Traum und ich hätte mir das nie im Leben erträumt, dass die Mauer eines Tages fallen wird.“ Meine Mutter lacht und unterbricht ihn. „Er war hoffnungslos, was dies betraf, aber ich bin immer optimistisch geblieben. Ich wusste, dass die Mauer fällt.“ Mein Vater erzählt weiter. „Alle waren glücklich und wir haben uns mit diesen Menschen gefreut. Es herrschte Glück in der Luft. Ich kann dir dieses Gefühl kaum beschreiben. Selbst die DDR und BRD Polizisten umarmten sich und schüttelten einander die Hand.“

Mein Vater erlebte die Mauer 12 Jahre lang. Ich frage ihn, ob er sich nicht gefangen fühlte. „Doch, sobald man an die Grenzen gelangte, bekam man das Gefühl gefangen zu sein und ich war sofort bedrückt. Solange du dich in den einzelnen Bezirken im Westen aufgehalten hast, hattest du die Mauer wieder vergessen.“

„Hattest du dich nicht gewundert, dass in einem Land das Volk voneinander getrennt wurde?“, frage ich ihn. „Ich wusste zwar, dass es die Mauer gibt, aber ich war trotzdem enttäuscht. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass die Menschen in Deutschland getrennt wurden und es sich so anfühlte als wäre man in zwei verschiedenen Ländern“, erklärt er.

Berlin mit Menschen aus dem Osten, dem Westen und der ganzen Welt

An seinem ersten Mai in Deutschland, zwei Monate nachdem er in Berlin angekommen war, fuhr er mit seinen Freunden in den Osten zum Alexanderplatz. Die Kontrollen im Osten waren strenger als im Westen, erzählt er. Man musste 6 Mark bezahlen, um hinüber zu kommen. „In der DDR war alles günstiger. 1 Westmark ergab fast dreimal so viel wie eine Ostmark. Für 10 Westmark konnte man sich einen richtig guten Tag im Osten machen. Du konntest dreimal so viel einkaufen, wie im Westen. 10 Euro waren im Vergleich zum Westen Luxus!“

Auch ihm fielen die Trabbis auf. Die Menschen im Osten sahen seiner Meinung nach altmodischer aus als im Westen. „Und sie sahen irgendwie blaß aus.“ Ich lache und sage, dass das doch nicht sein könne. „Doch, das stimmt wirklich”, bestätigt meine Mutter. Mein Vater hört nicht hin und erzählt von seinem Freund aus der DDR, den er dort traf. „Er sagte, dass er sich wünschte einmal in seinem Leben am Kurfürstendamm spazieren zu gehen und danach könne er in Frieden sterben.“ Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

„Heute ist es 25 Jahre seit dem Mauerfall, was möchtest du dazu sagen, Papa?“

„Es ist gut, dass die Menschen in Berlin vereint wurde, denn Berlin empfängt nicht nur Menschen aus dem Westen oder aus dem Osten, sondern auch Menschen aus der ganzen Welt.“