Mustang Filmausschnitt

In dem für den Oscar nominierten Film Mustang geht es um fünf verwaiste Schwestern und die Benachteiligung, die sie auf einem Dorf in Nordtürkei erfahren. Sie sollen zwangsverheiratet werden und jedes Mädchen versucht, auf ihrer Art mit der oft aussichtslosen  Situation fertig zu werden. Der Film der Regisseurin Deniz Gamze Ergüven legt den Finger zwar auf die Wunde und thematisiert ein Problem, das es leider immer noch gibt, bedient sich dabei jedoch vieler fiktionaler Bilder und Stereotypen, die einen europäischen Normal-Kino-Besucher in seinen Vorurteilen über dörfliches Leben in Anatolien bestätigen.

Während Regisseurin Ergüven in den Vereinigten Staaten ihrer Chance auf einen Oscar hinterher eifert, bereitet sich ihr preisverdächtiger Film „Mustang“ auf die Premiere in Köln vor. Am 25. Februar soll es dann soweit sein. Wir sprachen mit dem Co-Produzent Frank Henschke über den Film.

Dieser Film zeigt die intuitive Rebellion junger türkischer Mädchen. Sie rebellieren sehr individuell und auf ihre eigene Art, aber immer gegen die selbe Sache. Zwangsheirat. Ist der Film eigentlich eine Retrospektive?

Henschke: Die Mädchen lehnen sich dagegen auf, dass ihr Leben domestiziert wird. Sie wollen für sich die Freiheit der eigenen Entscheidung. Da ihnen diese Freiheit nicht eingeräumt wird, und im Gegenteil, ihr Zuhause zu einem Gefängnis wird, wollen sie mit aller Kraft ausbrechen. Der Film ist keine Retrospektive. Es ist eine fiktionale Geschichte, die Elemente wie z.B. die Zwangsheirat aufzeigt und anklagt, welche es leider immer noch gibt.

Es sind insgesamt fünf Schwestern. Die kleinste der Schwestern beobachtet die unverständlichen Gefüge innerhalb der Familie und ist sozusagen auch das Auge des Zuschauers. Aus welchem Grund hat man gerade diese Perspektive ausgewählt?

Henschke: Das ist eher eine Frage an die Regisseurin und Autorin. Der Blickwinkel der im Film etwa 13-jährigen Lale ist aber ein sehr spannender. Auch durch ihr junges Alter hat sie die Rolle der Beobachterin. Sie weiß daher sehr schnell, dass sie das, was ihren Schwestern widerfährt, auf keinen Fall will. Nicht umsonst ist sie konsequenterweise diejenige, die handelt und an Flucht denkt. In dem Zusammenhang sind der Anfang und das Ende des Films sehr wichtig: Lales gutes Verhältnis zu der Lehrerin.

Der Film bedient sich reichlich an Stereotypen. Sie fallen an einigen Stellen auch etwas übertrieben, oder unverhältnismäßig auf. Etwa die Baumaßnahmen am Haus der Großmutter. Sind solche Sachen noch authentisch?

Henschke: Nein, der Film erhebt auch keinen dokumentarischen Anspruch. Es ist eine fiktionale Erzählung mit einigen Elementen, die in irgendeiner Form im Leben der Regisseurin vorgekommen sind. Es bleibt aber Fiktion. Die Unverhältnismäßigkeit ist in diesem Zusammenhang ein probates erzählerisches Mittel.

Einige Abhandlungen im Film werden nur skizzenhaft dargestellt. Psychische Zerwürfnisse kommen nicht in vollem Detail zum Ausdruck. Besonders die Situation von Ece wird sehr schnell von der Bühne geräumt. Ist das auch eine spezielle Gesellschaftskritik? Geht es darum zu zeigen, welchen Wert diese Mädchen haben?

Henschke: Es geht vor allem um die Achtung vor Frauen. Der Film richtet sich gegen eine permanente Sexualisierung von Mädchen und Frauen. Dort wo dies aber geschieht, kommt es fast zwangsläufig zu psychischen Problemen und in letzter Konsequenz zu Missbrauch. Der Film prangert dies an, denn leider findet es überall auf der Welt statt.

Der Ort der Aufnahmen ist wunderschön; fast wie in einem Märchendorf. Es ist in Inebolu, eine Ortschaft an der Schwarzmeerküste. Hat die Mentalität und die Kultur der Schwarzmeer-Region zu der Auswahl beigetragen?

Henschke: Das müssen Sie bitte die Regisseurin fragen. Was mich betrifft, ging es darum einen Ort zu finden, der ein wenig im Nirgendwo ist. Die Großstadt sollte weit weg sein. Es kam uns auch auf das allein stehende Haus an, das ja im Laufe des Films zu einem Gefängnis wird. Wie gesagt es ist eine fiktionale Geschichte.

Der Onkel vereint alle gesellschaftlichen Absurditäten in einer Person. Er wird als intellektuell sehr schwach dargestellt. Ist es immer so? Ist dieses Problem ein Produkt von Bildungsmangel?

Henschke: Der Film ist nicht dokumentarisch angelegt. Die Figur des Onkels ist eine Erzählfigur, die viele Seiten in sich vereint. Die Figur ist sehr verdichtet. Dies ist ein Mittel der Erzählung und Dramaturgie. Bildung spielt aber eine zentrale Rolle. Der Film fängt mit der Lehrerin an, und er hört mit ihr auf. Die Abwesenheit von Bildung kann zu nichts Gutem führen.

In dieser speziellen Familie hängt man noch sehr tief in alten Strukturen fest. Es geht sogar soweit, dass die breite Gesellschaft des Landes scheinbar ganz neue und moderne Lösungswege entwickelt – wie etwa bei dem Stadionverbot für Männer in der Türkei. Stattdessen wurden nur Frauen und Kinder in die Stadien gelassen – aber in dieser Familie regiert ein Tyrann, angestiftet durch die abartige Umgebung.

Henschke: Das zeigt, dass es in der Türkei wie fast überall auf der Welt beide Seiten gibt. Moderne und Tradition zu einem vernünftigen Miteinander zu vereinen, ist eine schwierige Aufgabe. Dabei dürfen wir allerdings nie die Menschenrechte vergessen. Darauf müssen wir überall in der Welt hinweisen.