Neukölln ist nicht überall

Hervorgegangen sind diese Schulen mit Standorten in Berlin, Hannover, Köln, Eringerfeld bei Paderborn, Mannheim und Stuttgart aus Nachhilfevereinen, die die Deutschtürken in den 1990er Jahren gründeten. Das Motiv: aus der ersten Generation der ungelernten Gastarbeiter sollte nicht ein Dauerzustand werden. Die Söhne der ersten Einwanderer sind nun die Geschäftsführer von TÜDESB in Berlin, Dialog in Köln und BiL in Stuttgart. Bildlich gesprochen, sind die im Heizungskeller Beschäftigten über den Zwischenstopp Hausmeisterloge im Direktorenzimmer angelangt. Die Geschichte ist nicht neu, sie hat sich im 19. Jahrhundert bereits in den USA zugetragen, als irische und deutsche Einwanderer Privatschulen gründeten, um Anschluss an die Gesellschaft zu erhalten.

2011/12 fanden an diesen Schulen zum ersten Mal Abiturprüfungen statt. Damit haben diese Einrichtungen die Risikophase hinter sich gelassen, in der sie mit Eigenmitteln finanziert werden mussten. Die staatliche Finanzierung hat mittlerweile eingesetzt, die Prüfungen werden anerkannt, berechtigen zum Studium an deutschen Universitäten, die Fluktuation der Lehrer lässt nach.

Die privaten deutschtürkischen Trägervereine beschäftigen 150-200 Mitarbeiter, erzielen Umsätze von mehreren Millionen Euro pro Jahr, verlangen in der Regel Schulgeld, erzielen ein hohes Spendenaufkommen aus den eigenen Reihen und wagen sich nach der Gründungsphase ihrer Schulen nun an noch größere Projekte. Neubauten entstehen, Bildungscampusse befinden sich in der Planung, die ein lückenloses Angebot vom Kindergarten bis zur Fachhochschule bieten sollen. In Stuttgart ist Anfang des Jahres ein Gymnasium mit einer Investitionssumme von 25 Millionen Euro eingeweiht worden, kein simpler Zweckbau, sondern ein strahlendes Objekt mit architektonischem Anspruch auf den Hügeln von Bad Cannstatt.

In die Bildung investieren heißt in die Zukunft investieren

An der Spitze dieser Bildungsinitiative stehen die Gülen-Anhänger, keine feste Organisation, sondern ein lockeren Zusammenschluss von gläubigen Muslimen. Über die Intensität des Sender-Empfänger-Verhältnisses entscheidet jeder allein. „Mit sich selbst sein- mit den anderen zusammen sein“, so beschreibt ein Berliner Gemüsehändler, gelernter Lehrer und TÜDESB-Sponsor sein Verhältnis zur Bewegung und zu ihrem spirituellen, in den USA lebenden Führer Fethullah Gülen.

Wer im Rahmen einer Bildungsreise durch die Republik diese Schulen aufsucht, die sich an der Peripherie der deutschen Städte befinden, wird vergeblich nach Gebetsräumen suchen. Türkisch wird als Fremdsprache angeboten, in Stuttgart sogar nur als Arbeitsgemeinschaft. Statt Religionsunterricht gibt es das Fach Ethik. Ein Nord-Süd-Gefälle bei der gesellschaftlichen Integration der Türken ist bei diesem Bildungsstreifzug unübersehbar. Mit Vehemenz verwahrt man sich daher im Stuttgarter Raum gegen die Buschkowsky-These, der zufolge Neukölln überall sei.

Die deutschtürkischen Schulgründer sind Pragmatiker. Während in Berlin acht Jahre zwischen dem Entschluss, eine Schule zu bauen und der Eröffnung vergehen, hat Muammer Akın, der Geschäftsführer des Stuttgarter BiL-Gymnasiums, dies mit seinen Weggefährten und Unterstützern in der Hälfte der Zeit geschafft. Zugute gekommen ist dem Verein dabei die Mithilfe einer einflussreichen Persönlichkeit, die bis vor einigen Jahren Präsident des Stuttgarter Schulamtes war. Solche deutschen „Türöffner“ gibt es auch an den anderen Standorten. Mit anhaltendem Erstaunen registrieren die Schulmanager eine bisweilen kritische Berichterstattung der Medien. Für eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit fehlte bislang die Zeit.

Deutschland ist ein Einwanderungsland

Während die Geschäftsführungen der Schulen von Deutschtürken gestellt werden, bestehen die Kollegien mehrheitlich aus Deutschen. Auch bei ihnen fällt die Entscheidung für eine derartige Schule aus pragmatischen Gründen: Ganztagsbetrieb, kleine Klassen, Mittagessen, Hausaufgabenbetreuung, überschaubare Korrekturzeiten zu Hause. Kein Wunder, dass viele Lehrer mit kleinen Kindern diese Schulen ansteuern. Hineinreden in ihre Unterrichtsgestaltung, es wird nach den Lehrplänen des jeweiligen Bundeslandes unterrichtet, lassen sich die zumeist jungen Pädagogen nicht.

Die Herausbildung dieser parallelen Schullandschaft ist einerseits eine Folge des allgemeinen Trends in der Bundesrepublik, Privatschulen zu gründen, weil man mit dem staatlichen Angebot unzufrieden ist. Zugleich sind diese Schulen aber auch eine Folge der verspäteten Erkenntnis, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Die zweite Generation der Deutschtürken hat nicht länger warten wollen, sie hat die Dinge selbst in die Hand genommen. In Politik und Gesellschaft ist es dabei zu einer Rochade gekommen. Während die SPD die Gründung dieser Privatschulen zunächst unterstützte, kamen ihr in der Zwischenzeit Bedenken über die Richtigkeit des Weges. Sie sieht den Bestand der staatlichen Schulen in Problemvierteln gefährdet. Nun sind auf kommunaler Ebene die CDU und die Grünen die stärksten Befürworter des pädagogischen Eigenwegs der Deutschtürken. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Foto) sagte bei der Eröffnung des Schulneubaus in Stuttgart, das Gymnasium sei „ein Stachel im baden-württembergischen Schulsystem“.

Vergeblich halten die Deutschtürken nach deutschen Kindern Ausschau. So sind ihre Institutionen zur Zeit auch Anlaufstellen für Migrantenkinder aus anderen Herkunftsländern. Die Schulen hoffen, dass sich ihre Akzeptanz in der deutschen Gesellschaft allmählich erhöht, dass eines nicht zu fernen Tages die Hälfte der Kinder aus deutschen Familien kommt, wie es ein Elternschafts-Vorsitzender in Berlin formuliert. Sollte dieser Fall eintreten, könnten sie eines Tages wieder entbehrlich werden, wie die deutschen Einwandererschulen in Amerika.

*Jochen Thies: Wir sind Teil dieser Gesellschaft. Einblicke in die Bildungsinitiativen der Gülen-Bewegung. Herder Freiburg 2013, 184 Seiten, 9,99 Euro, Erscheinungsdatum: 16. April 2013.