Seit die beiden größten Oppositionsparteien der Türkei, die Cumhuriyet Halk Partisi (Republikanische Volkspartei; CHP) und die Milliyetçi Hareket Partisi (Partei der Nationalen Bewegung; MHP) am Montag den Universitätsprofessor und langjährigen Diplomaten Ekmeleddin Ihsanoğlu als gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten vorgestellt haben, ist der Name in aller Munde.

Mit über 18 000 Erwähnungen schaffte es İhsanoğlu binnen kürzester Zeit an die Spitze der türkischen Twitter-Trend-Charts. Sein Facebook-Auftritt hat es in nur 24 Stunden auf mehr als 10 000 Likes gebracht – was in Anbetracht der mehr als 5 Millionen ebensolchen für Premierminister Erdoğan immerhin schon einmal ein Anfang ist.

Wer aber ist Ekmeleddin Ihsanoğlu? Der aus Yozgat stammende Ihsan Efendi, Vater von Ekmeleddin Ihsanoğlu, ging 1924 nach Kairo, um zu studieren. Nach seinem Studium an der al-Azhar Universität arbeitete er im osmanischen Archiv in Ägypten. Später gründete er an der Ain-Shams-Universität den Fachbereich Orientalismus und baute den Fachbereich türkische Sprache und Literatur auf. Dann heiratete er die aus Rhodos stammende Saniye. Aus dieser Ehe kam 1943 Ekmeleddin Ihsanoğlu zur Welt.

Auch der Sohn folgte der akademischen Kariere seines Vaters und machte 1970 nach seinem Studium der Naturwissenschaften an der Ain-Shams-Universität seinen Master in Chemie an der al-Azhar Universität. Neben seinem Studium arbeitet er in der Nationalbibliothek in Kairo und katalogisierte osmanische Manuskripte und Bücher. Zusätzlich unterrichtete er auch in der türkischen Sprache und Literatur. Nach seiner Promotion 1974 in der organischen Chemie der Universität Ankara folgen zwei Forschungsjahre an der Exeter-Universität in England. Von 1970 bis 1980 arbeitete er als Dozent an der Universität von Ankara.

Der erste gewählte Generalsekretär der OIC

1984 wurde Ihsanoğlu Professor und war bis 2005 Generaldirektor des 1982 gegründeten Forschungszentrums für islamische Geschichte, Kunst und Kultur (IRCICA) in Istanbul, das auch zugleich eine Unterorganisation der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) ist. Diesen Posten gab er 2005 ab und zum ersten gewählten Generalsekretär der Dachorganisation OIC bis 2013. Gleichzeitig war er auch der erste türkische Generalsekretär der OIC.

In seiner Zeit als Generalsekretär der IRCICA gründete er in der Literaturfakultät der Universität Istanbul den Fachbereich Wissensgeschichte. Diesen Fachbereich führte er bis zur Schließung durch des türkischen Hochschulrat (YÖK) im Jahre 2000. Gleichzeitig fungierte er auch als Direktor der Türkischen Gesellschaft für Wissensgeschichte und des Museums und Dokumentationszentrums für Wissensgeschichte an der Universität Istanbul. 2003 absolvierte er auch einen Aufenthalt als Gastprofessor in der Ludwig-Maximilian-Universität in Deutschland.

Ekmeleddin Ihsanoğlu hat mehrere Bücher und Aufsätze zu den Themen türkische Kultur, Beziehung zwischen der westlichen und der islamischen Welt und Beziehungen zwischen der türkischen und arabischen Welt veröffentlicht.

Auszeichnungen Ihsanoğlus

Neben seiner Tätigkeit bei der UNESCO und der Universität Harvard hat Ihsanoğlu für seine Dienste für die Wissenschafts- und Bildungsgeschichte viele Auszeichnungen bekommen. Einige davon sind der türkische Verdienstorden, welcher ihm im Jahre 2000 übereicht wurde, die jordanische Verdienstmedaille und das Verdienstorden von Ägypten. 2008 wurde er mit der Koyre-Auszeichnung für seine Leistungen in der Wissenschaft gewürdigt. 2010 erhielt er die höchste Verdienstmedaille Malaysias und er wurde aufgrund seiner Leistungen im Kampf gegen die Islamophobie in Kaschmir mit dem höchsten Verdienstorden von Pakistan ausgezeichnet.

Die Nominierung İhsanoğlus hat nicht nur Freund und Feind überrascht, sie hat auch für bemerkenswerte Reaktionen in der Türkei selbst und innerhalb der türkischen Einwanderercommunitys im Ausland gesorgt.

Die CHP hatte sich mit der MHP auf der Basis der Überzeugung geeinigt, dass ein Präsidentschaftskandidat der Opposition, der mit höchster Wahrscheinlichkeit gegen den haushoch favorisierten Premierminister Recep Tayyip Erdoğan antreten müsse, nur dann Erfolg haben könne, wenn er über den Parteien steht, breite Bevölkerungsschichten anzusprechen vermag, moralisch integer ist und religiöse wie auch nationale Werte verkörpert.

AKP wird İhsanoğlu vor allem als „Transfer aus Ägypten“ angreifen

İhsanoğlu erfüllte diese Qualifikationen aus Sicht der Parteichefs Kemal Kılıçdaroğlu und Devlet Bahçeli bestmöglich. In der Tat sprengt die Person des Oppositionskandidaten die langjährige Logik der von der regierenden Adalet ve Kalkınma Partisi (Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung; AKP) bewusst polarisierten Wahlkämpfe zwischen der AKP als der vermeintlichen Partei der frommen Muslime aus den ärmeren Bevölkerungsschichten, die gegen die abgehobenen, europäisierten, säkularistischen Eliten stehe. Die Opposition will die Wahl rechts der Mitte gewinnen und mithilfe eines Kandidaten, der für islamische Werte steht, die konservative Bevölkerungsmehrheit der AKP entfremden.

Die Kritik der AKP am Oppositionskandidaten nimmt daher auch einen komplett anderen Blickwinkel ein. Mustafa Şentop, der stellvertretende Vorsitzende der AKP und Abgeordnete für Istanbul, sprach vom „Ende der Opposition“, die nicht einmal mehr in der Lage sei, einen geeigneten Kandidaten in den eigenen Reihen zu finden. „Die AKP gewinnt nicht, weil sie ein paar konservative Namen fallen lässt, sondern weil sie auf den Werten des Volkes basiert. Solange die CHP gegen die Werte des Volkes kämpft, wird sie nie Erfolg haben können, selbst wenn sie den Scheich von al-Azhar selbst anstelle dessen Doktoranden, Ekmeleddin İhsanoğlu, aufstellen würde.“

Die AKP wirft İhsanoğlu vor, ein „Transfer aus Ägypten“ zu sein, der zum ersten Mal mit 30 Jahren die Türkei betreten hätte. Vor allem wird die AKP versuchen, den Putsch in Ägypten gegen İhsanoğlu zu instrumentalisieren, da ihrer Meinung nach die OIC unter seiner Führung zu knieweich auf die gewaltsame Absetzung des gewählten Präsidenten Muhammad Mursi reagiert habe.

Stellt linker CHP-Flügel Alternativkandidaten auf?

Ungemach droht der CHP allerdings auch aus den eigenen Reihen. Insbesondere den orthodoxen Kemalisten und Säkularisten ist İhsanoğlu nicht republikanisch genug. Der Abgeordnete Hüseyin Aygün (Tunceli) beschwerte sich auf Twitter, die Partei hätte lieber einen linken Kandidaten nominieren sollen.

Die Abgeordnete Nur Serter (Istanbul) wiederum äußerte in einem Statement, der Kandidat repräsentiere nicht die CHP. „Ich bin in tiefer Sorge und schäme mich. Das ist ein Stich mitten ins Herz der CHP. Wir werden mit unseren Freunden jetzt erörtern, was zu tun ist.“ Eine Konkurrenzkandidatur eines ultrasäkularistischen, linken Kandidaten könnte İhsanoğlu jeder Chance berauben, eine Mehrheit zu erzielen – ähnlich wie bei den Istanbuler Kommunalwahlen die für Sırrı Süreyya Önder abgegebenen Stimmen am Ende den Oppositionskandidaten Mustafa Sarıgül die Mehrheit kosteten.

Auch aus sozialdemokratischen Kreisen der türkischen Einwanderercommunity in Deutschland wurde vereinzelt Kritik laut. So äußerte der ehemalige SPD-Bundestagskandidat für Rosenheim, Abuzar Erdoğan, auf Facebook: „Die türkische Oppositionspartei CHP verliert nun einmal mehr ihre Glaubwürdigkeit. Eine sozialdemokratische Partei, so stellt sie sich dar, stellt keinen gemeinsamen Kandidaten mit einer nationalistischen Partei, die Minderheitenrechte in Frage stellt und offen antisemitisch auftritt, auf.“

Die stellvertretende Vorsitzende der Halkların Demokratik Partisi (Demokratische Partei der Völker; HDP), Pervin Buldan, geht davon aus, dass die prokurdischen Parteien für den ersten Wahlgang einen eigenen Kandidaten finden würden. „Es erscheint uns schwierig, einen Kandidaten zu unterstützen, hinter dem die MHP steht“, betonte Buldan.

Allerdings wollten die prokurdischen Parteien HDP und Barış ve Demokrasi Partisi (Partei für Frieden und Demokratie; BDP) eine Wahlempfehlung für einen CHP-Kandidaten in einer möglichen Stichwahl nicht ausschließen, sollte dieser Zusicherungen in den Bereichen Demokratie, Freiheit und Kurdenrechte machen können.