Verhältnis des deutschen Staates zur deutschen Minderheit in Belgien

In Deutschland sorgt die Diskussion, welche Sprache in Schulen, Ämtern und Zuhause gesprochen werden soll, seit Jahren für heftige Kontroversen. Nicht wenige Befürworter des Schutzes der jeweiligen Muttersprache bezeichnen das Erlernen der Muttersprache gar als Menschenrecht.

In den letzten Jahren weckt die Erwähnung des Wortes „Türken“ in Deutschland vor allem Assoziationen wie „Parallelgesellschaft“, „Großstadtghettos“ und „Integrationsprobleme“. Als treibende Kraft hinter den genannten Problemen, die als Antithese zu innerer Sicherheit, grundgesetzlicher Ordnung und sozialindizierter innerer Harmonie der Gesellschaft gelten, wird auf die türkische Sprache verwiesen. Welches Ausmaß die Spekulationen über die Muttersprache türkischer Kinder mittlerweile erreicht haben, wird regelmäßig beim Medienhype um die Besuche des türkischen Premierministers Recep Tayyip Erdoğan in Deutschland deutlich.

Die deutsche Minderheit in Belgien

Ob das Erlernen und Sprechen der Muttersprache Migrantenkindern den Weg zur Integration verbaut, mag weiterhin von Sprach- und Sozialwissenschaftlern diskutiert werden – bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang jedoch, dass von offizieller deutscher Seite aus auf Bundes- und Länderebene der nur 72.000 Personen starke Anteil deutscher Muttersprachler innerhalb Belgiens auf verschiedenen Gebieten unterstützt und der Gebrauch der deutschen Sprache unter ihnen gefördert wird. Die Deutschsprachige Gemeinschaft (DG) in Ostbelgien besitzt ein eigenes Parlament mit 25 Abgeordneten und vier Ministern. Die Menschen dort sprechen Deutsch jedoch nicht nur im Parlament, sondern ebenso in den staatlichen Ämtern und Behörden, in Schulen und anderen Einrichtungen. Von einer Anzahl von Mitgliedern des deutschen Bundestages ist bekannt, dass sie enge Verbindungen zur Deutschsprachigen Gemeinschaft unterhalten, und die Beziehungen der deutschsprachigen Belgier zu den deutschen Bundesstaaten Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sind auf dem Gebiet der Sprachförderung wie auch in anderen Bereichen gleichermaßen gut entwickelt.

Der belgische Staat unterteilt sich im Rahmen einer föderalen Struktur in die Flämische Region, in der die offizielle Amtssprache Niederländisch ist, die französischsprachige Wallonische Region und die Region Brüssel-Hauptstadt, in der beide Sprachen offiziellen Status haben. Innerhalb der Grenzen der Wallonischen Region befindet sich zudem die kleine, offiziell deutschsprachige DG, die in einigen Bereichen über selbstständige Rechte verfügt. Die Gemeinschaft, die sich über ein Gebiet von 854 km² erstreckt, unterhält enge wirtschaftliche, politische, soziale und kulturelle Verbindungen nach Deutschland. In den vergangenen 30 Jahren haben die deutschsprachigen Belgier weitgehende Autonomierechte erworben.

Die DG besteht nicht nur aus einem gemeinsamen Sprach- und Kulturbereich, sondern besitzt auch eigene Verfügungsgewalt, ebenso wie die einzelnen Bundesstaaten in Deutschland innerhalb ihrer eigenen Grenzen eine selbständige Beschäftigungs- und Bildungspolitik betreiben. Die DG verfolgt auf den Gebieten Kultur, Medien, Sport, Jugend, Sozialsystem, Familie, Gesundheit und Bildung eine Politik der Sprachförderung und erhält besonders in diesem Bereich Unterstützung von Deutschland. Die deutschsprachigen Belgier machen zwar nur 0,7 Prozent der belgischen Bevölkerung aus, auf ihrem Gebiet befinden sich aber bedeutende industrielle Zentren und das Bildungsniveau in den deutschsprachigen Schulen ist sehr hoch. Die DG fördert auch Vielsprachigkeit: Die verbreitetste Fremdsprache auf ihrem Gebiet ist Französisch, an zweiter Stelle steht Englisch, gefolgt von Niederländisch, das von vielen der Deutsch-Belgier als dritte Fremdsprache gesprochen wird. Die Angehörigen der Deutschsprachigen Gemeinschaft sind in Belgien wie auch in anderen Ländern und Regionen auf dem Arbeitsmarkt sehr gesucht. Besonders in den gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Belgien üben sie eine Brückenfunktion aus.

Gleiche Rechte gewünscht

Die Journalistin Evelyne Mertens, die beim Grenz-Echo arbeitet, der einzigen deutschsprachigen Zeitung für die Belange der Deutschen in Belgien, sagt: „Als Deutschsprachige Gemeinschaft wollen wir gleiche Rechte im Bereich Sprache und Kultur haben“. Sie weist darauf hin, dass die DG innerhalb Belgiens eine autonome Stellung einnimmt. Wenn es auch im Allgemeinen keine Probleme bei der Verwendung oder Lehre der deutschen Sprache gebe, so sei doch in einigen Fällen noch keine gleichberechtigte Behandlung gewährleistet.

Als Beispiel führt sie an, dass Gesetzestexte, die die Angehörigen der DG betreffen, immer noch nicht in deutscher Übersetzung vorlägen. „Unsere Muttersprache ist Deutsch. Die Muttersprache ist ein verfassungsmäßig verbürgtes Recht. Wenn es um einen Gesetzesartikel geht, der uns betrifft, dann muss dieser natürlich, da wir Deutsch sprechen, auch auf Deutsch zu lesen sein.“

Die Unterrichtssprache in den Schulen, so Mertens, sei Deutsch. Daneben werde Französisch unterrichtet und als dritte Sprache im Allgemeinen Englisch. Von den 72.000 belgischen Deutschen seien 60.000 eingesessen, der Rest bestehe aus in die Region zugezogenen Deutschen. Letztere würden zwar nicht als „Ausländer“ betrachtet, jedoch sei ihre finanzielle Situation für gewöhnlich besser als die der Belgier, was zu einer Steigerung der Immobilien- und Grundstückspreise geführt habe. Infolgedessen wiederum wanderten junge belgisch-deutsche Familien häufig in die französischsprachigen Teile der Wallonischen Region aus.

Auf die Frage, inwiefern es eine Kooperation mit Deutschland im Bereich der deutschen Sprache gebe, erklärte der Pressesprecher des Unterrichtsministeriums der DG, Heinen Serge, die deutsche Gemeinschaft in Belgien unterhalte selbstständige Beziehungen zu anderen Staaten zwecks Verhandlungen und Möglichkeiten zur Zusammenarbeit. Was die Förderung der deutschen Sprache betrifft, würden gemeinsame Anstrengungen mit den deutschen Behörden unternommen. „Beispielsweise haben wir auf diesem Themengebiet verschiedene Abkommen mit dem Bildungsministerium des deutschen Bundesstaates Nordrhein-Westfalen getroffen. Es besteht eine Zusammenarbeit beim Erwerb von Deutschunterrichtsmaterialien, dem Austausch von Unterlagen im Bildungsbereich, der Förderung der Berufsausbildung und der Ausbildung von Lehrern.“ So würden junge Lehrer, die ihre Ausbildung in Deutschland abgeschlossen hätten, nach Belgien ziehen und an den dortigen Schulen arbeiten.

Auch die deutsche Botschaft in der belgischen Hauptstadt Brüssel unterstützt die Wünsche der Deutschen im Land: Auf ihrer Internetseite stellt sie die auf Deutsch erscheinende Tageszeitung Grenz-Echo vor und weist daneben auf weitere deutschsprachige Veröffentlichungen hin.
 
* Dieser Artikel erschien 2008 in der Zeitschrift „Zukunft“.