Angenommen, sie fahren in eine Sackgasse. Wie kommen sie da wieder raus? Indem sie wenden?

‚Nein‘, sagt die türkische Regierung. Wir kommen da raus, indem wir noch entschlossener aufs Gaspedal treten. Kein anderes Bild beschreibt die türkische Politik im Moment besser.

In den letzten fünf Monaten sind in der türkischen Hauptstadt drei Bombenanschläge verübt worden. Insgesamt mindestens 175 Menschen kamen ums Leben, allein 37 beim letzten Anschlag am Sonntag. Während in Regierungskreisen laut darüber nachgedacht wird, in Syrien einzumarschieren, kann die Staatsgewalt nicht einmal die eigene Hauptstadt schützen. Wie passt das zusammen?

Auch wenn der Urheber noch nicht identifiziert wurde, dachten viele sofort an einen Terroranschlag militanter Kurden. Es lag nah. Zum einen hatte sich eine Splittergruppe der kurdischen Terrororganisation PKK zum vorletzten Anschlag im Februar bekannt. Zum anderen läuft im Südosten des Landes gerade ein Krieg zwischen dem Staat und bewaffneten Kurden, bei dem auch zahlreiche unschuldige Zivilisten zu Schaden kommen. Die Möglichkeit von Racheakten liegt auf der Hand.

Auch Erdoğan dachte wohl daran. In seiner schriftlichen Erklärung heißt es: „Die Terrororganisationen und diejenigen, die sie als Handlanger benutzen, zielen auf unschuldige Bürger, je mehr sie den Kampf gegen unsere Sicherheitskräfte verlieren.“ Im Anschluss daran betonte er die Entschlossenheit im Kampf gegen den Terror.

Es geht also um die sogenannte Kurdenfrage. Wäre die Türkei tatsächlich demokratisch verfasst, würde man fragen, was die Kurden wollen; es würde nach Wegen gesucht werden, zu deeskalieren und die Wut zu mildern – so, wie es die AKP zu Beginn ihrer Amtszeit tat. Gäbe es eine freie Presse, würden auch mögliche Kriegsverbrechen der eigenen Seite untersucht werden, die Menschen könnten dann einander mit mehr Verständnis begegnen.

Aber nichts davon passiert. Wie viele Anschläge hintereinander auch passieren, wie viele Menschen auch sterben mögen, die Türkei wird prinzipiell von einer unfehlbaren Regierung und einem unfehlbaren Präsidenten regiert. Wer nur einen Millimeter von der öffentlich ausgegeben Richtung abzuweichen gedenkt, wird zum Vaterlandsverräter erklärt und zum öffentlich gedemütigt. Der Papst kann sich irren, Erdoğan und sein Lager irren sich nie. Da sie nichts falsch machen, kommt auch so etwas wie ein Rücktritt niemandem in den Sinn.

Sie setzen weiterhin auf eine harte Hand. Derzeit versprechen sie nicht einmal Frieden. Stimmen aus ihrem Umfeld wie der Ankara-Korrespondent der regierungsnahen Zeitung Yeni Şafak, Abdülkadir Selvi, meinen, die Türkei müsse lernen, eine gewisse Zeit mit dem Terror zu leben.

Mit anderen Worten: Wenn genügend Leute getötet wurden und der Konflikt ausgeblutet ist, wird schon wieder Frieden einkehren. Keine Umkehr also, sondern weiter, immer weiter. Die Devise lautet ‚Mit dem Kopf durch die Wand‘ – in der Hoffnung, dass die Wand irgendwann nachgibt. Gut ist eine solche Haltung nicht, vor allem für den Kopf.

Es ist leider die traurige Wahrheit: Vieles spricht nicht dafür, dass der letzte Anschlag auch wirklich der letzte bleibt.