Arm, Ärmer, am Ärmsten

von Volkan Tümöz

Der arme Mann ist schon längst hier in Deutschland und er macht sich bei uns immer breiter. Die kuscheligen Zeiten gehen dem Ende zu. Deutschlands Bürger werden kontinuierlich ärmer, die meisten haben mittlerweile mehr Angst, dass ihr Geld schon bald nicht mehr zum Überleben ausreicht, als vor einem Terroranschlag – bis vor kurzem noch Angstfaktor Nummer Eins.

Und tatsächlich: Die Preise für Lebensmittel beispielsweise, der Hauptkostenfaktor neben der Miete für die nicht wenigen Beschäftigten (beispielsweise im Osten oder im Pflegebereich), die mit ihren Gehaltsschecks gerade mal an der 1000-Euro-Grenze kratzen, stiegen bis zuletzt. Die Menschen scheinen die Flaute im Portemonnaie zu spüren und reagieren dementsprechend. Einige sind davongelaufen, als Gastarbeiter ins Ausland gegangen, mit mäßigem Erfolg. Die Reichen hingegen mussten sich erst gar keine Gedanken machen, sie standen in einer perfekten Startposition und konnten parallel zur Entfaltung der Armut sogar noch Gewinne realisieren. Sie haben noch ein wenig mehr vom Gesamteinkommen in ihren Banken deponieren können oder verzocken es gerade an der Börse.

Geld ist uns in Deutschland sehr wichtig, vor allem das eigene. Wir schätzen, dass 10 Prozent der deutschen Bevölkerung am oberen Ende Einkommensskala fast 60 Prozent des Gesamtvermögens in Deutschland in ihren Händen haben(1), allerdings beruhen diese Ergebnisse auf einer Umfrage, aus der nicht ersichtlich wird, wie viele Menschen daran teilgenommen haben. Die Schätzungen lassen sich aber in etwa bestätigen. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung liegt der Wert bei 58,7 Prozent. Laut dem 2. Armuts- und Reichtumsbericht von 2005 lag der Anteil am Besitz des Gesamtvermögens in Deutschland damals für die reichsten 10 Prozent bei 46,8 Prozent und laut Caritas lag er 2000 bei 41 Prozent. Im aktuellsten 3. Armuts- und Reichtumsbericht hat man übrigens die Stelle mit der Verteilung des Gesamteinkommens einfach weggelassen. Man wird auch insgesamt den Eindruck nicht los, dass der Bericht die Lage etwas verschönern will, zumindest kommt er gelinde ausgedrückt etwas blauäugig daher. Ein Viertel der Bürger in Deutschland ist nach den Maßstäben des Berichts arm, dabei wird als arm definiert, wer nicht mehr als 781 Euro im Monat verdient.

Arm in Deutschland?

Aber jetzt mal ehrlich: Wie kann man sich in Deutschland als arm bezeichnen, wenn man sich vor Augen führt, dass Menschen in anderen Ländern Tag für Tag ums nackte Überleben kämpfen, verhungern, verdursten, betteln müssen? Um dieser Maßlosigkeit auszuweichen gibt es die Begriffe „absolute Armut“ und „relative Armut“. Absolut arm ist beispielsweise der Mensch in Afrika, der weniger als einen US-Dollar am Tag zum Leben hat. Relativ arm dagegen können wir in Deutschland sein, gemessen an Zahlen, von denen ausgehend man berechnet, wann man arm (siehe oben) bzw. reich ist. Reich ist man in Deutschland zurzeit, wenn man mehr als 3.418 Euro am Anfang des Monats in der Tasche hat. Vielleicht sollte man für Deutschland noch so etwas wie „ultramegareich“ einführen, damit die Topmanager eine eigene Kategorie haben.

Arm ist zum Beispiel ein Obdachloser, obwohl in Deutschland theoretisch jeder die Möglichkeit hat, eine Wohnung zu bekommen. Seltsamerweise sieht man auf den Straßen trotzdem immer wieder offenbar obdachlose Menschen, die mal hier und mal dort schlafen. Oft habe ich mich gefragt, ob diese Menschen wirklich obdachlos sind, oder vielleicht den Weg nach Hause nicht finden konnten, weil sie möglicherweise ein Alkoholproblem haben. Allerdings hätten diese dann keinen Schlafrucksack dabei, dachte ich mir. Also befragte ich einen Obdachlosen mit Schlafsack, der mir eine auch durch Statistiken bestätigte Antwort auf die Frage gab: „Menschen, die obdachlos sind, haben meist kurz zuvor schwerwiegende persönliche Probleme durchlebt und bekommen sehr bald eine eigene Wohnung.“ In diesem Fall war eine Trennung von der Lebensgefährtin, welche mit einem persönlichen Bankrott einherging, schuld.

Aber im Gespräch kamen wir auch auf so genannte Langzeitobdachlose zu sprechen, welche auf Dauer die gleichen Notunterkünfte und Suppenküchen besuchen. Diese hatten zum Beispiel keine Lust, sich um eine eigene Wohnung zu kümmern. „Sie kommen mit dem Druck des Amtes nicht klar und haben aufgegeben oder zeigen Trotzreaktionen“. Sie wollen keine 1-Euro-Jobs und haben sich mit ihrer Situation scheinbar abgefunden. Sie legen verständlicherweise ein depressives Verhalten an den Tag, doch könnten sie zumindest rein theoretisch alle innerhalb von kürzester Zeit eine Wohnung bekommen, wenn sie denn psychisch dazu in der Lage wären.

Viel dramatischer wird es, wenn aus der ursprünglichen wirtschaftlichen Armut gesundheitliche Risiken und Benachteiligungen entstehen oder Ehen den Bach runter gehen, worunter die Kinder dann meist doppelt leiden. Außerdem sind Kinder aus ärmlichen Verhältnissen generell schlechter gebildet, angefangen von der fehlenden frühkindlichen Förderung bis hin zum fehlenden Kleingeld für die Nachhilfestunden oder die Sprachreise.

Diese sozialen Spannungen und Benachteiligungen, die aus der wirtschaftlichen Not erwachsen, führen dann auch zu innerfamiliären oder psychologischen Problemen, die dann wiederum zu Depressionen und Trennungen und – wie im genannten Beispiel – zu Obdachlosigkeit führen können. Das ganze wird oft als Teufelskreis bezeichnet, da eins zum anderen führt und man – erst mal unten angekommen – nur schwer alleine den Weg zurück findet.

Der Armutsindikator

Da Statistiken nun einmal Statistiken sind und nach meiner Lieblingsstatistik ein armer Kerl und ein Millionär jeder eine halbe Million für sich haben, will ich versuchen, mir ein volksnahes Bild über die Lage zu machen. Ein Bild, das ohne fragwürdige Zahlen auskommt, sondern schlicht die Entwicklung einer Wohlfahrtsorganisation in den Mittelpunkt stellt.

Als Indikator habe ich mir ein Kaufhaus in Frankfurt am Main ausgesucht, kein normales Kaufhaus, es ist vielmehr ein Second-Hand-Kaufhaus, das seine Waren aber nur an Kunden weitergibt, die einen Hartz-IV-Bescheid haben oder einen Berechtigungsschein von einer kirchlichen oder sozialen Beratungsstelle mitführen. Seit neuestem können auch Studenten im „Familienmarkt“ einkaufen. Der „Familienmarkt“ ist eine Koproduktion von Caritasverband und Diakonischem Werk. Ich bin mir nicht sicher, ob der Familienmarkt überhaupt als Indikator für irgendetwas taugt.

Bei meinem ersten Besuch schaue ich mich erst einmal um. In der Eingangshalle gibt es alles für die Küche: Töpfe, Pfannen, Backformen, Porzellan, Gläser und Bestecke. Links geht es zur Cafeteria und vor mir liegt ein großer Raum mit Textilien. Alles, was es an Textilien gibt, kann man dort finden, zum größten Teil in einem Top-Zustand, es gibt sogar Unterhosen. Weiter vorne ist noch ein weiterer großer Raum mit Betten, Schränken, Regalen, Polstermöbeln, Babybetten, Spielzeug und einigen Büchern.

Es sind seit den fünfzehn Minuten, die ich im „Familienmarkt“ bin, schon acht Kunden an der Kasse gewesen, die ich registriert habe. Draußen regnet es. Die meisten Kunden sind weiblich und schätzungsweise über 40 Jahre alt. Die Mitarbeiter sind bis auf die letzte Halle, in der die Möbel stehen, auch durchwegs weiblich.

Ich bekomme noch eine Spendenannahme mit und frage dann einen Mitarbeiter nach der Marktleitung.

Frau Spöck, die den Markt nun schon seit über sechs Jahren leitet, hat glücklicherweise kurzfristig Zeit für mich. Ich erfahre, dass erst kürzlich die Bildzeitung über den Markt berichtet hat und dass nach solchen Artikeln die Zahl der Kundschaft immer stark ansteigt. Kurz danach klingelt auch schon das Telefon, es ist SAT 1, „sie wollen was über Armut machen“. Ha, denke ich mir, die Idee einen Wohlfahrtsmarkt als Indikator zu nehmen, kann so verkehrt nicht gewesen sein, vielleicht hat SAT 1 aber auch einfach nur die Bildzeitung gelesen. Trotzdem: Insgesamt unterstreicht das Medieninteresse eher die Aussagekraft des Familienmarktes als Armutsindikator.

Frau Spöck und ich verabreden uns für übermorgen für ein Interview und beim Rausgehen entdecke ich noch eine kleine Bücherei und eine Änderungsschneiderei, welche in einem anderen Gebäudekomplex untergebracht sind.

Ziel des Betriebes ist es einerseits, den bedürftigen Menschen eine Gelegenheit zum Einkaufen zu geben, andererseits will der Betrieb Beschäftigung schaffen. Über 70 Mitarbeiter hat er zurzeit, davon fünf Auszubildende und über 30 Jugendliche. Der Betrieb hat sich in den letzten 15 Jahren sehr verändert, früher hatte der Familienmarkt nur an drei Tagen in der Woche geöffnet und man hat noch alles umsonst bekommen. 1994 waren es schon vier Tage in der Woche, an denen, mit einem Berechtigungsschein, immer noch kostenlos eingekauft werden konnte. Heute hat der Familienmarkt die ganze Woche über offen und bietet Waren zu bezahlbaren Preisen an.

„Die Schere zwischen reich und arm geht immer weiter auf…“

Frau Spöck, wie hilfreich ist der Familienmarkt, kann er das Leben von Hartz 4-Empfängern erleichtern?

Der Familienmarkt hilft gleich aus zwei Perspektiven: Zum einen schaffen wir Beschäftigung, zum Beispiel für Langzeitarbeitslose. Diese kommen aus der Isolation, sie werden hier gebraucht und das gibt ihnen ein neues Selbstwertgefühl. Zum anderen vermitteln wir Güter, Kleider und Hausrat zu bezahlbaren Preisen an Hartz 4-Empfänger. Heute haben wir die ganze Woche geöffnet und es ist nichts mehr umsonst. Die Kundenzahlen sind dennoch enorm gestiegen.

Die wichtigste Existenzgrundlage ist Nahrung, wollen Sie in Zukunft auch in diesem Bereich tätig werden?

Nein, dafür gibt es die Tafeln. Das Problem sind die Auflagen, der Aufwand, um die ganzen nötigen Auflagen zu erfüllen, wäre zu enorm, außerdem wird dieser Bereich auch gut von den Tafeln abgedeckt.

Können Sie bei Ihrer Kundschaft sichtbare Tendenzen von Armut erkennen?

Erkennen kann man das an den steigenden Kundenzahlen. Wir haben ca. 100-150 Neukunden pro Quartal und das seit knapp zwei Jahren. Das öffentliche Interesse ist gestiegen, da die Armut in Deutschland gestiegen ist.

Wie sehen Sie die Armut hier zu Lande in Relation zu der Armut in anderen Ländern?

Das kann man kaum vergleichen. In anderen Ländern geht es ums Überleben, bei uns hat Armut andere Ausprägungen. Die Schere zwischen reich und arm geht immer weiter auf und die Ärmeren dürfen den Anschluss nicht verlieren und sollen an kulturellen Angeboten teilhaben können.

Welche Altersklasse steht am häufigsten vor Ihrer Kasse?

Das sind Menschen zwischen 35 und 40 Jahren. Wir würden gerne mehr jüngere Menschen haben, deshalb haben wir auch vor kurzem Einlass mit dem Studentenausweis eingeführt. Ich denke aber, dass da die Hemmschwelle noch größer ist.

Wie sehen die Zukunftsaussichten Ihrer Mitarbeiter aus, nachdem Sie im Familienmarkt beschäftigt waren?

Das ist die letzte Zeit eher schlechter geworden, wir konnten früher jeden Vierten weitervermitteln, zurzeit sind wir bei ca. 10 Prozent. Wir beschäftigen viele Menschen über 58 Jahren, diese können wegen ihres Alters kaum mehr einen Job finden. Gerade die Älteren sind es aber, die auch eine große Stütze für den Familienmarkt darstellen.

Frau Spöck, danke, dass Sie sich Zeit genommen haben und vielen Dank für dieses Gespräch.

„Überhaupt haben junge Menschen weniger Perspektiven“

Frau Randnitzky, Sie sind seit vier Jahren arbeitslos und arbeiten erst seit sechs Monaten im Familienmarkt. Wie hilfreich finden Sie den Familienmarkt?

Der ist sehr hilfreich, zum einen habe ich hier eine Beschäftigung gefunden, zum anderen können Menschen hier günstig einkaufen.

Kommen Sie mit Ihrem Geld aus?

Wenn man das Arbeitslosengeld und die Fahrkarte zu meinem Gehalt dazurechnet, bekomme ich ca. 1000 Euro. Ich finde, ich komme gut weg.

Welcher Unterschied lässt sich erkennen, wenn man das Deutschland von heute mit dem Deutschland von vor zehn Jahren betrachtet?

Früher hatte ich nicht so viele Ängste, heute habe ich vor allem um meine Kinder Angst. Überhaupt haben junge Menschen weniger Perspektiven.

Was würden Sie in Deutschland ändern, um die Armut zu bekämpfen?

Ich finde die Rentenregelung blöd, Ältere sollen immer länger arbeiten und die Jüngeren stehen auf der Straße, das verstehe ich nicht.

Frau Randnitzky, wir bedanken uns für das Gespräch.

„Es wird alles teurer“

Herr Sikora, Sie sind 48 Jahre alt, Hartz-IV-Empfänger und regelmäßiger Kunde im Familienmarkt. Wie hilfreich ist der Familienmarkt für Bedürftige wirklich?

Ich denke, dass der Familienmarkt sehr hilfreich ist, ich zumindest kaufe einen Großteil meiner Textilien hier ein und das schon seit Jahren. Die Qualität ist gut und die Preise sind super. Ich denke, dass alle, die hier einkaufen, das Angebot auch zu schätzen wissen.

Haben Sie starke finanzielle Probleme? Wie gehen Sie mit der Teuerung bei Lebensmitteln um?

Mir geht es finanziell mittlerweile zum Glück besser als noch vor einigen Jahren, aber trotzdem wird alles teurer und man muss schon noch darauf achten, wie man sein Geld ausgibt.

Herr Sikora, vielen Dank für dieses Gespräch.