Der in Montenegro geborene Radovan Karadzic gilt als früherer „Präsident“ der bosnischen Serben als Hauptverantwortlicher des Bosnienkrieges. Seine Vision von einem Großserbien hatte in dem Balkanland zu einem der blutigsten Kriege des vergangenen Jahrhunderts geführt. Zwischen 1992 bis 1995 kamen in dem geschundenen Land rund 250.000 Menschen bei den ethnischen Säuberungen ums Leben, die meisten der Opfer waren Bosniaken.

Der Bosnienkrieg ist besonders grausam gewesen, da die serbischen Nationalisten zahlreiche Konzentrationslager in dem Land errichtet hatten. In ihnen wurden neben Bosniaken auch Kroaten interniert. Dort wurde nicht nur gefoltert und getötet, sondern auch vergewaltigt. An zehntausenden Mädchen und Frauen vergriffen sich die Peiniger, in der Regel mehrmals am Tag.

Zudem wurden viele Städte eingekesselt. Die Belagerung der Hauptstadt Sarajevo hielt praktisch den ganzen Krieg über an. Während des Prozesses wurden Mitschnitte von Karadzic vorgespielt. Sarajevo werde „ein schwarzer Kessel sein, in dem Muslime sterben“, war da vom Serbenführer zu hören. Immer wieder wurden die Städte durch serbische Artillerie und Scharfschützen unter Beschuss genommen.

Massaker von Srebrenica

Seinen traurigen Höhepunkt erreichte der Krieg am 11. Juli 1995, als die UN-Schutzzone Srebrenica von serbischen Einheiten erobert wurde. Mehr als 8.000 bosnische Männer und Jungen wurden im Anschluss exekutiert und in einem der zahlreichen Massengräber im Land verscharrt. Noch immer sind nicht alle Leichen des Massakers von Srebrenica gefunden worden, viele warten auch darauf, identifiziert zu werden.

Nach seiner Entmachtung tauchte Karadzic unter. Erst 2008 konnte er auf Druck der internationalen Staatengemeinschaft in Belgrad verhaftet werden. Anschließend wurde er an das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag überstellt. Er hatte eine andere Identität angenommen und in der serbischen Hauptstadt als Heilpraktiker und Psychiater gearbeitet. Schon fünf Jahre dauert der Prozess gegen den inzwischen 69-Jährigen nun an. Die Anklage hatte ihm unter anderem Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.

50.000 Seiten Prozessakten und hunderte Zeugen

Nach 50.000 Seiten Prozessakten und hunderten Zeugen hat der Ankläger Alan Tieger sein Schlussplädoyer am Montag in Den Haag gehalten. Die Anklage sieht die Schuld des ehemaligen bosnischen Serbenführers Radovan Karadzic am Völkermord zweifelsfrei bewiesen. „Die ganze Gewalt der ethnischen Säuberung liegt hier nun offen mit Dr. Karadzic als treibende Kraft“, erklärte Tieger. Karadzic folgte den Ausführungen konzentriert und zeigte äußerlich keine Regung, als der Ankläger Schicksale einzelner Opfer schilderte. „Für jede einzelne Tragödie ist er verantwortlich“, sagte Tieger. Die Anklage fordert daher lebenslange Haft für den Serben.

Karadzic hingegen beteuert seine Unschuld. Ein Urteil wird erst Ende kommenden Jahres erwartet.