Die Freunde und Anhänger von Fethullah Gülen haben zweieinhalb Jahre hinter sich, die es in sich hatten. Ein polemischer SPIEGEL-Artikel im Sommer 2012 hatte eine Flut von Beiträgen im Fernsehen, im Hörfunk und in Tageszeitungen zur Folge, gegen die die Dialogvereine, die Schulen und im öffentlichen Rampenlicht stehende Personen und Unterstützer mit Mühe ankämpften. Von einer Geheimorganisation, von einer Unterwanderung der Gesellschaft mit dem Ziel, Deutschland in eine islamische Republik zu verwandeln, war die Rede. Interessanterweise beteiligten sich die beiden führenden deutschsprachigen Tageszeitungen nicht an diesem Kesseltreiben: die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Neue Zürcher Zeitung.

Spätestens im zurückliegenden Sommer wurde deutlich, dass sich die Kampagnen mit Text- und Bildmanipulationen, mit Zitat-Fälschungen und unrichtigen Behauptungen erschöpft haben. Und dafür gibt es drei Ursachen: die veränderte Situation in der türkischen Innenpolitik, die eine differenziertere Betrachtungsweise erfordert, das Erscheinen von wissenschaftlichen Beiträgen und Büchern über die Rolle der Gülen-Bewegung in Deutschland, voran eine Studie der renommierten Denkfabrik ‚Wissenschaft und Politik‘ (SWP) in Berlin und schließlich die erlösende Nachricht aus Stuttgart, dass die Gülen-Bewegung vom Verfassungsschutz nicht beobachtet werde. Es gebe keinen Grund dazu.

Dieser Ansicht waren schon zuvor viele Menschen in Deutschland, die sich die Mühe gemacht haben, das Anliegen jener Deutschtürken nachzuvollziehen, die Gülen auf unterschiedliche Weise erreicht, als Gläubige, als Unterstützer, als praktisch Handelnde. Seit dem letzten Wochenende und dem ersten Jahrestreffen der Stiftung Dialog und Bildung im Rhein-Main-Gebiet lässt sich sagen, dass Ercan Karakoyun mit seiner Mannschaft das erste Etappenziel erreicht hat. Immer mehr Angehörige der Mehrheitsgesellschaft sind von der Aufrichtigkeit des Angebots der Gülen-Bewegten zum Dialog überzeugt. Entsprechend breit und nahezu alle Teile der deutschen Gesellschaft repräsentierend war das Teilnehmerfeld, das sich zu der zweitägigen Konferenz unweit des Frankfurter Flughafens in einem Konferenzzentrum zusammenfand. Der besondere Reiz der gut besuchten Veranstaltung, die nahezu alle angemeldeten Teilnehmer trotz des Streiks der Bahn schafften zu erreichen, bestand darin, dass es erstmals zu einem Vergleich der Lage in mehreren europäischen Ländern kam. Ausgehend von einem Referat über ‚Hizmet in der Welt und in der Türkei‘ kamen Referenten zum Zuge, die über die Situation der Gülen-Freunde in Deutschland, in der Schweiz und in Österreich berichteten.

Für Etikettierungen ist es zu früh

Spannend war am zweiten Tag die Analyse einer jungen Kulturwissenschaftlerin, die die Behandlung von ‚Hizmet‘ in den Medien im Rahmen einer Masterarbeit untersucht. Schon nach wenigen Monaten Forschungsarbeit ist sie an die Kernpunkte der unfairen Berichterstattung in einem Teil der deutschen Medien herangerückt. Ihre Diskursanalyse zeigte unzweifelhaft die Mängel auf, die es in der Berichterstattung gibt. Viel Gewinn konnte man auch aus dem Beitrag eines deutschen Medienexperten ziehen, der in seinem Referat Wege aufwies, mit denen die Anliegen der Gülen-Bewegung vermittelt werden können: durch Kurzbiographien und durch das Erzählen von Geschichten. Da hört jeder zu.

Kontrovers wurden dagegen Bildungs- und Gender-Themen diskutiert und in den Pausen erörtert, die nicht alle interessieren. Die Deutschtürken, ob Mann oder Frau, sind Pragmatiker, nicht verliebt in Theorien, sondern immer auf der Suche nach der Lösung eines auftretenden Problems. Wie die Schulen, die sie erfolgreich betreiben, genannt werden, ist ihnen momentan ziemlich gleichgültig. Sie sind froh, dass sie es geschafft haben, dass es seit drei Jahren Abiturienten an diesen Einrichtungen gibt und dass damit die Risikozone hinter den Schulgründern liegt. In ein paar Jahren, wenn sich die Diskussionen über die Rolle der Gülen-Bewegung in Deutschland weiter versachlicht haben, ihr Beitrag zur Bildung und Integration auch von den bisherigen Kritikern anerkannt wird, kann man über Etikettierungen nachdenken. Jetzt gibt es Wichtigeres zu tun, treibt doch viele die Sorge um, was aus der Heimat der Eltern und Großeltern werden wird.