Mouhanad Khorchide

Nach mehr als zwei Jahren Stillstand ist der Weg für den Auf- und Ausbau des Zentrums für islamische Theologie (ZIT) an der Universität Münster frei. Jetzt können neue bekenntnisgebundene Studiengänge, Studien- und Prüfungsordnungen eingeführt und Professuren besetzt werden.

Das beschloss der Senat der Hochschule, das höchste Entscheidungsgremium der Lehrenden und Lernenden, am Mittwochabend durch eine Neuregelung für den „konfessionellen Beirat für Islamische Theologie“. Dieses Gremium soll über die Glaubenstreue in Lehre und Forschung wachen, wie das die Kirchen bei den christlichen Theologien an allen eigentlich religiös neutralen Hochschulen tun.

Die Aufgaben des muslimischen Wächterrates übernimmt nun bis auf weiteres, längstens bis Ende 2015, der Koordinationsrat der Muslime in Deutschland (KRM). Er ist der Zusammenschluss von vier großen muslimischen Verbänden in Deutschland, darunter die der türkischen staatlichen Religionsbehörde (Diyanet) nahe stehende Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) mit bundesweit rund 900 Moscheegemeinden.

Die Münsteraner Satzungsänderung wurde „mit acht Stimmen bei drei Gegenstimmen und einer recht hohen Anzahl an Enthaltungen beschlossen“, wie Uni-Sprecher Norbert Robers gegenüber der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) bestätigte. Die „Übergangsregelung“ sei eine „pragmatische Lösung“, um „Handlungsfähigkeit am islamischen Theologie-Zentrum herzustellen“.

Diese war bislang dadurch blockiert, dass der konfessionelle Beirat seit 2011 kein einziges Mal zusammengetreten war. Denn wiederholt hatte der Verfassungsschutz Zweifel an der Grundgesetztreue einzelner Kandidaten geäußert. Darüber hinaus verhinderten „Terminschwierigkeiten“ eine Zusammenkunft.

KRM wird nun wie eine Religionsgemeinschaft behandelt

„Die Zusammenarbeit zwischen den Islam-Verbänden und der Uni Münster in einem religiösen Beirat ist definitiv gescheitert“, hatte der damalige KRM-Sprecher Bekir Alboğa schon Anfang März gegenüber der KNA erklärt. In der jetzt gefundenen Übergangslösung ist der KRM stärker denn je. Im Beirat hatte er nur die Hälfte der Sitze, die anderen Mitglieder schlug die Uni selber vor. Künftig aber hat die Hochschule auf Seiten der Religionswächter keine Stimme mehr, dafür ist vielmehr der KRM allein zuständig.

Der Dachverband wird damit wie eine Religionsgemeinschaft behandelt. Nicht zuletzt kann er „aus religiösen Gründen“ künftig auch die Berufung von Professoren ablehnen oder ihre Abberufung verlangen.

Nun blickt die islamische Community mit Spannung auf die Zukunft des umstrittenen Münsteraner Theologen und Leiter des ZIT, Mouhanad Khorchide, von dem es Ende Dezember 2013 nach der Veröffentlichung eines Gutachtens seitens des KRM hieß, das Verhältnis zwischen diesem und den Verbänden sei „zerrüttet und irreparabel beschädigt“. Es bleibt spannend, wie die Zusammenarbeit nach dem Münsteraner Neustart weitergehen kann und ob es eine solche auf Dauer geben wird. Seitens der Politik hatte es immer wieder Solidaritätsadressen mit Khorchide gegeben, ein Besuch des Bundespräsidenten Joachim Gauck am ZIT Münster im letzten November wurde vielerorts als Zeichen der Rückendeckung für den Theologen interpretiert, dem Kritiker vorwerfen, einen konturenlosen „Staatsislam“ propagieren zu wollen, der sich eher an den Befindlichkeiten der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft denn an der authentischen Lehre ausrichten würde.

„Geht es um Inhalte, oder um Machtfragen?“

Wie die „Westfälischen Nachrichten“ berichten, konnten vor Inkrafttreten dieser Einigung Professoren für das ZIT nicht berufen werden, sondern immer nur Verträge für ein Semester vergeben werden. Der KRM soll nun entscheiden können, ob etwa der Berufung des Professors Milad Karimi zugestimmt wird, der bereits seit zwei Jahren am ZIT muslimische Religionslehrer ausbildet. Im Zusammenhang mit der Personalie Khorchide sei im Rahmen der Gespräche am Runden Tisch vereinbart worden, die Auseinandersetzung in der bundesweit geführten Mediendebatte nicht weiter zu schüren.

In Teilen der muslimischen Community wird nun geargwöhnt, der KRM könnte sich eine stillschweigende Zustimmung zur Weiterbeschäftigung Khorchides durch die Aufwertung der eigenen Position, die mit der Befugnis verbunden ist, nunmehr an Stelle des Beirats alleine mitbestimmen zu können, faktisch abkaufen haben lassen.

Der aus eigener Initiative aus dem Beirat ausgeschiedene Journalist Eren Güvercin weist etwa auf facebook darauf hin, dass vor wenigen Wochen der stellvertretende Vorsitzende eines KRM-Mitgliedsverbandes, der medial eine sehr kritische Haltung zu Khorchide an den Tag gelegt hatte, als dessen persönlicher wissenschaftlicher Mitarbeiter eingestellt worden wäre. „Kann Zufall sein, zeigt aber auch, dass die Bedenken aus den eigenen Gemeinschaften doch nicht so schwer wiegen. Geht es um Inhalte, oder um Machtfragen?“, kommentiert Güvercin die Situation. (KNA/dtj)