Eine Liebeserklärung an die türkische Teekultur

Türkischer Schwarztee hat soziale Eigenschaften. Er passt sich der jeweiligen Person an. Je nachdem, ob sie ihn klar, stark, mittelklar oder mittelstark trinken möchte: Es gibt dabei nichts, was es nicht gibt. Wenn Freunde zu Besuch sind, die keine türkischen Gewohnheiten bezüglich der Teekultur kennen, finden diese oft einen vorbereiteten Tee in einer Thermos- oder Glaskanne vor. Daraus müssen sie trinken, ob er ihnen nun zu bitter oder zu verdünnt erscheint.

Doch beim türkischen Teeservice ist es anders. Man darf selbst die Nuancen bestimmen, wie man ihn trinken möchte. Das ist das Wunderbare. Schwarzer Tee hat einen aufweckenden Charakter, vermeidet Mundgeruch und tut dem Herzen gut.

Die Jüngsten in der Familie bedienen die Älteren und jedes Mal, wenn ein Glas leer ist, so nehmen sie dieses kleine, runde, zarte Teeglas und fragen den Gast: „Açık mı olsun demli mi?“ („Wollen Sie ihn klar oder stark?“). Letzteres wird dann auch als „Kaninchenblut“ (tavşan kanı) bezeichnet. Manche antworten auf die Frage auch: „Orta/normal olsun lütfen“ („Mittelstark bitte“).

Die arabischen Gepflogenheiten dagegen sehen etwas anders aus, der Gastgeber geht zu jedem Einzelnen, füllt dessen Tee ein, fragt, wie viel Zucker er dazu nimmt und bedient ihn.

Teebeutel geht gar nicht

Vor allem im Ramadan ist der türkische Tee nach dem Fastenbrechen ein Muss. Letztens zum Beispiel, als wir zu Gast bei einem Verein waren, begann gleich nach dem Essen am Speisetisch die Fragerei, ob es denn Tee gäbe. Das wäre nach dem schönen Essen die Krönung des Abends, zumal es auch Baklava gab. Es gab auch Tee, zu unserer Enttäuschung nur aus Papierbechern, aber besser als nichts.

In diversen türkischen und arabischen Restaurants in Berlin gibt es Tee in riesigen Teekannen umsonst, an denen man sich beliebig bedienen darf. Eigentlich ein guter Grund, dorthin zu gehen.

Früher, wenn ich zu Besuch bei einer türkischen Freundin war und man mir Tee aus Teebeuteln anbot, war ich ziemlich beleidigt, sodass ich nie mehr dorthin gehen wollte. Die Entrüstung meinerseits war so groß in solchen Fällen, dass ich es sogar, wenn auch nur aus Spaß, mit den Worten ansprach: „Wer mir Tee aus Teebeuteln serviert, beleidigt mich, legt keinen Wert auf mich.“ Daraufhin bekam ich wenig später stets die Einladung, bei der es schon am Telefon hieß: „Ich habe echten türkischen Tee extra für Dich gemacht, kommst Du?“

Das Buch „Ja, ich würde liebend gerne noch eine Tasse Tee trinken…“ umfasst eine Reihe von imaginären Briefen an Lady Mary Montagu, deren berühmte Botschafts-Briefe in den Jahren 1716-1718 während ihres Aufenthalts in der Türkei geschrieben wurden. Sie war nämlich die Frau des damaligen englischen Botschafters. Die Autorin Katharine Branning verwendet Lady Mary zuliebe Themen wie Kultur, Kunst, Religion, Frauen und das tägliche Leben. Damit möchte sie die gleichen Motive reflektieren, denen sie selbst in den letzten 30 Jahren des Reisens in der Türkei begegnet ist.

Branning verbindet viel mit türkischem Tee. Zum einen den Charakter des türkischen Menschen – schlicht und ohne Zusatz. Türkischer Tee wird ohne Milch getrunken und er ist so transparent wie der schlichte Türke es ist. Das Rote im türkischen Tee sei das Rot in seiner Fahne und der Klang des Löffels beim Rühren von Zucker sei die nationale Sinfonie der Türken, beschreibt sie in ihrem Vortrag.

Frühstück ist erst dann fertig, wenn der Tee fertig ist. Der türkische Tee wird üblicherweise in der Türkei Tag und Nacht getrunken, zu jeder Gelegenheit und er ist ein Zeichen von Entspannung. Der türkische Schwarztee sorgt für Kommunikation, Friedensschließung und ist ein wahres Zeichen von Gastfreundschaft.

Vielleicht ist der türkische Tee aber auch ein Symbol der Geduld, denn es heißt doch immer „Abwarten und Tee trinken”. Gegen das Temperament mancher Türken ist er aber trotzdem chancenlos.