BIG-Kandidat Mustafa Sinan Can rechnet mit 40 000 bis 50 000 Stimmen für seine Partei am Wahlabend.

Mustafa Can ist Mitglied des Bundesvorstandes der BIG Partei und Vorsitzender des BIG Landesjugendverbandes Berlin und Bezirksvorsitzender von Berlin Spandau.

Wir haben mit ihm über seine Motivation, Politik zu machen, seine Kritik an die etablierten Parteien und darüber, wofür die BIG Partei steht, gesprochen, die in den deutschen Medien als „Partei der Migranten und Muslime“ dargestellt wird.

In Spandau und Charlottenburg Nord sind Wahlplakate von Ihnen zu sehen, auf denen nicht viel über sie zu erfahren ist. Wer ist Mustafa Can?

Mein vollständiger Name ist Mustafa Sinan Can. Ich bin 27 Jahre alt und bin in Sakarya (Türkei) in einem Dorfhaus zur Welt gekommen. Mit drei Monaten kam ich dann nach Deutschland. Meine Kindheit habe ich in Berlin-Kreuzberg verbracht. Das Abitur habe ich am Robert-Koch-Gymnasium gemacht und darauf bin ich besonders stolz. Es ist nicht einfach, in einem sogenannten Problembezirk wie Kreuzberg das Abitur zu machen. Ich studiere nun an der Ostsee im schönen Greifswald Geschichte und Deutsch als Fremdsprache.

Wieso engagieren sie sich politisch?

Unsere Vorfahren kamen vermehrt ab 1961 nach Deutschland. Sie haben dieses Land mit aufgebaut und die Arbeit gemacht, die hier keiner mehr machen wollte. Man nannte sie Gastarbeiter, da man davon ausging, dass sie irgendwann Deutschland wieder verlassen würden. Viele von der ersten Generation sind zwar zurückgekehrt, aber ein wichtiger Teil ist hier geblieben. Später haben sie ihre Familien nachgeholt. In bestimmten Bezirken durften sie keine Wohnungen mieten und als sie Deutsch lernen wollten, meinte man zu ihnen, dass sie es nicht zu lernen bräuchten, da sie Deutschland sowieso verlassen würden.

Jetzt nach einem halben Jahrhundert sind wir immer noch hier und ich sage Ihnen: Wir werden auch hier bleiben. Aber dabei wollen wir unsere Identität, Kultur, Traditionen, Sprache und natürlich auch unsere Religion frei ausüben und weiterbeleben. Ich muss leider feststellen, dass die Assimilation schon längst angefangen hat. Man trifft immer wieder Menschen, die ihre Muttersprache sehr schlecht oder sogar kaum noch beherrschen.

Es verbietet doch niemand einem anderen, seine Kultur und Sprache zu pflegen. Ist selbstgewollte Assimilation in Teilen der türkischen Bevölkerung nicht ein normales Phänomen?

Laut Grundgesetz darf sich jeder Bürger in diesem Land frei entfalten. Doch die Praxis sieht leider anders aus. Bildungspolitisch gesehen z.B. sind wir für die Einführung bilingualer Schulen, in denen sich die Schüler als Zweitsprache auch für Türkisch, Polnisch oder Arabisch entscheiden können. Die Förderung von muttersprachlichem Unterricht muss eingerichtet werden. Einige private Schulen, an denen die Muttersprache, die Kultur und die Identität gefördert werden, zeigen uns, dass die Umsetzung möglich ist! Und ökonomisch gesehen würde letztendlich Deutschland davon profitieren.

Wäre die Schlussfolgerung aus Ihrer Analyse nicht die, in türkischen Kultur- oder Moscheevereinen aktiv zu werden?

Natürlich gibt es für jeden diese Möglichkeit. Auf politischer Ebene werden diese Vereine jedoch kaum ernst genommen. Deshalb beschloss ich, Politik auf Augenhöhe zu machen. Ich bin Teil dieses Landes, ich beherrsche die Sprache und möchte das Land politisch mitgestalten.

Wieso dann in der BIG-Partei und nicht in einer etablierten Partei wie der CDU oder SPD?

Ich möchte bei den etablierten Parteien keine Politik machen, weil ich mich nicht als Schaufensterpolitiker ausnutzen lassen möchte. In diesen Parteien wird man entfremdet. Man darf ein vorgegebenes politisches Raster nicht überschreiten. In Deutschland gehen ca. 30 % der Wahlberechtigten gar nicht erst wählen. Der Grund hierfür sind nicht die Wähler, sondern eben diese etablierten Parteien, die den Bürger nicht mehr erreichen.

Ihre Partei spricht aber nur die Deutschlandtürken an. Es ist kein einziger deutscher Kandidat dabei. Wieso nicht?

Wir sprechen jeden Bürger dieses Landes an und nicht nur eingebürgerte Türken.

Was stört sie denn an der Politik der etablierten Parteien besonders?

Ich bin von der SPD und den Grünen enttäuscht. Die SPD kommt immer kurz vor den Wahlen und wiederholt politische Versprechungen wie z.B. die doppelte Staatbürgerschaft, vergisst sie aber wieder schnell, wenn die Wahlen vorbei sind. Darüber hinaus wird in vielen Berliner Grundschulen unter der schützenden Hand der SPD gleichgeschlechtliche Partnerschaft als Vorbild propagiert. Sexuelle Selbstbestimmung ist aber das eine, die Familienpolitik das andere. Die Familienpolitik sollte nach unserer Vorstellung klar von einer Familie ausgehen, die aus Mann und Frau besteht. Außerdem sind da noch Sozialdemokraten wie Heinz Buschkowsky und Thilo Sarrazin, die vom hohen Ross auf die Migranten herabschauen.

Wofür steht die BIG-Partei?

Wir sind eine Wertepartei. Deutschland wird immer älter. Junge Menschen scheuen die Ehe und verheiratete Paare werden nicht genug gefördert. Die Geburtenrate muss dringend angekurbelt werden. Deshalb setzen wir sehr stark auf das wichtigste Politikfeld und zwar die Familienpolitik. Die Familie ist das Rückgrat der Gesellschaft.

Sind sie in allen Bundesländern vertreten?

Wir nehmen an diesen Wahlen leider nur in wenigen Bundesländern teil. Viele BIG-Landesvorstände sind ihrer Pflicht nicht nachgegangen und es ist ihnen nicht gelungen, die erforderliche Anzahl an Unterstützungsunterschriften für die Teilnahme an der Bundestagswahl zu sammeln. Unser Ziel für die Zukunft ist es, an allen Landes- und Bundestagswahlen teilzunehmen.

Was wollen sie, falls sie in den Bundestag gewählt werden sollten, für Ihren Bezirk tun?

Spandau hat das Potenzial, viel lebendiger und jünger zu werden und genau dafür bräuchten wir in unserem Bezirk eine Hochschule – egal ob eine private oder staatliche. Tausende Spandauer Abiturienten hätten somit die Chance, vor ihrer Haustür zu studieren. Spandau würde somit auch aus dem Umland viele junge Gesichter anziehen. Darüber hinaus würde davon auch die örtliche Wirtschaft profitieren. Der Bildungserfolg dürfte dabei nicht von der sozialen Herkunft abhängen. Die drastisch steigenden Mieten betreffen mittlerweile auch Spandau. Dem muss entgegengetreten werden. Zudem sehe ich Handlungsbedarf in Richtung Spielcasinos und Wettbüros, deren Anzahl in den vergangenen Jahren enorm gestiegen ist. Falls hier politisch nicht gehandelt wird, wird auch in Spandau ein Problemkiez entstehen, in dem Kriminalität und Vandalismus zum Alltag werden. Dann werden die Politiker, die heute nicht die notwendigen Maßnahmen ergreifen, wieder über „kriminelle Migranten“ schimpfen.

Mit welchem Ergebnis rechnen sie denn am 22. September?

Es ist schwer, eine Prozentangabe zu machen. Ich rechne bundesweit mit 40 000 bis 50 000 Stimmen für unsere Partei. Aber wir werden weitermachen, egal welches Ergebnis am Abend des 22. September 2013 rauskommt.