Archiv: Der türkische Präsident Erdoğan im Gespräch mit seinem russischen Amtskollegen Wladimir Putin

Jeden Mittwoch wird im türkischen Fernsehen eine neue Folge der Serie „Sen anlat Karadeniz“ ausgestrahlt. Weite Wälder, malerische Berge, weitläufige Flüsse und traditionelle anatolische Holzhäuser in der Provinz Trabzon sind das Markenzeichen der beliebten Serie, deren Titel etwa mit „Erzähl du mal, Schwarzes Meer“ übersetzt werden kann. Doch weit vor der rund 1700 Kilometer langen Nordküste der Türkei geht es nicht immer so idyllisch zu. Beispielhaft hierfür sind die sehr wechselhaften türkisch-russischen Beziehungen.

Noch Anfang der 2000er Jahre pries die türkische Regierung die Kooperation mit der EU und der NATO an, wie das schwedische Institut SIPRI auf Grundlage alter Regierungsdokumente ermittelt hat. Es gab eine klare westlich-orientierte Außenpolitik. Nicht zuletzt die 2005 begonnenen Beitrittsverhandlungen mit der EU und die im Zuge dieser Verhandlungen abgeschaffte Todesstrafe waren eine Folge des engen Verhältnisses.

Doch diese Zeiten liegen lange zurück. Mittlerweile liefern sich US-Präsident Trump und der türkische Präsident Erdoğan regelmäßig Wortgefechte und ein EU-Beitritt ist in weite Ferne gerückt. Auch die Ansichten, welche Rebellen in Syrien zu unterstützen und welche zu bekämpfen sind, gehen zwischen den Partnern auseinander.

Putin, der „wertgeschätzte Freund“

Der russische Präsident Putin aber, so Erdoğan, sei „ein wertgeschätzter Freund“. Dies war jedoch nicht immer der Fall.

Als Russland den Diktator Baschar al-Assad im syrischen Bürgerkrieg immer stärker zu unterstützen begann, die Türkei hingegen auf dessen Abgang setzte, zeichneten sich schon erste Risse des bis dahin guten russisch-türkischen Verhältnisses ab. Die russische Besetzung der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 schürte auch bei den Türken Ängste. Die mehrfache Verletzung des türkischen Luftraums durch russische Flugzeuge, die in Syrien Rebellen bombardierten, ließ die Spannungen weiter steigen.

Ende 2015 kam es dann mit dem Abschuss eines russischen Jets durch die türkische Luftwaffe zur Eskalation. Russland forderte eine Entschuldigung und bestritt, den türkischen Luftraum verletzt zu haben. Die Türkei bestand auf ihrer Version und verweigerte jegliche Entschuldigung. Das ließ Putin nicht auf sich sitzen und verhängte Anfang 2016 Wirtschaftssanktionen, wie aus einer Erklärung der russischen Regierung von 2015 hervorgeht. Im Lebensmittelbereich verbot sie den Import diverser Obst-, Gemüse- sowie Fleischsorten. Der Kreml hob die für türkische Staatsbürger bis dahin geltende Visafreiheit auf. Daneben veranlasste die russische Regierung die Einstellung von Charterflügen in die Türkei. Vor allem Reiseanbieter nutzen diese Möglichkeit, um ihre Pauschalreisen inklusive Hin- und Rückflug anbieten zu können. Auch durften in Russland aktive Reiseveranstalter keine Urlaubsreisen mehr in die Türkei anbieten.

Die beiden letztgenannten Maßnahmen zielten klar auf den türkischen Tourismussektor ab, der für die Türkei eine wichtige Rolle spielt. In dessen Folge brachen die Besucherzahlen russischer Touristen von zuvor vier Millionen auf 866.000 im Jahre 2016 ein. Im selben Jahr betrachteten in einer Umfrage bereits 35 Prozent der Türken Russland als Bedrohung. Der türkische Staatschef zählte auch zu dieser Gruppe. So sagte er Anfang 2016: „Das Schwarze Meer ist beinahe zu einem russischen See geworden.“ Und: „Wenn wir (NATO) nicht handeln, wird uns die Geschichte nicht vergeben“.

Neuorientierung gen Osten

Als es im Anschluss an den Putschversuch im Juli 2016 zu landesweiten Entlassungs- und Verhaftungswellen kam, wurde das Verhältnis der Türkei zu westlichen Staaten auf die Probe gestellt. Die Reaktionen der türkischen Führung seien unverhältnismäßig und undemokratisch, lautete der Vorwurf vieler westlicher Verbündete. Die AKP hingegen warf der EU und den USA mangelnde Unterstützung und Solidarität vor. Infolge der politischen Unruhen brachen die Besucherzahlen ein und es kamen so wenige Ausländer wie zuletzt 2007 in das Land. Diese Spannungen und wirtschaftliche Probleme führten unter anderem dazu, dass sich die Türkei gen Osten in Richtung Russland wandte.

Die von Putin geforderte Entschuldigung für den Abschuss des Jets folgte. 2017 statteten zwei türkische Schiffe dem russischen Marinestützpunkt Novorossiysk sogar einen Freundschaftsbesuch ab. Daraufhin unterzeichneten der Iran, Russland und die Türkei eine Absichtserklärung, die zur Deeskalation im syrischen Bürgerkrieg beitragen sollte. Den Höhepunkt bildete aber der September 2017. Unter großem Protest der Nato-Bündnispartner gab die Türkei die Bestellung des russischen S-400-Raketensystems bekannt. Vor diesem Hintergrund sagte Präsident Erdoğan, dass sein Amtskollege Putin „ein wertgeschätzter Freund“ sei. Im gleichen Jahr ergab eine neue Umfrage, dass nur noch 18,5 Prozent der Türken in Russland eine Bedrohung sahen. Außerdem verdoppelte sich beinahe die Zahl jener Befragten auf 27,6 Prozent, die eine Kooperation mit Russland als Alternative zur EU-Mitgliedschaft befürworteten.

Russischer Touristenansturm in der Türkei

So war es kein Wunder, dass die zwischenzeitlich gesunkene Zahl russischer Touristen in der Türkei wieder stieg. Laut dem türkischen Ministerium für Kultur und Tourismus wuchs ihre Anzahl infolge der verbesserten diplomatischen Beziehungen und Aufhebung gegenseitiger Sanktionen kräftig. Sie versiebenfachte sich vom Tiefstand 2016 auf knapp sechs Millionen zwei Jahre später. Damit bilden Russen nun wieder die mit Abstand wichtigste Touristengruppe im Land. Vor diesem Hintergrund kündigte der Sprecher der russischen Regierung, Dimitri Peskow, an, dass sich Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan am 8. April in Moskau treffen wollen. Es wäre bereits das dritte Zusammenkommen der beiden in diesem Jahr. Im Rahmen des Treffens soll auch das „Russisch-türkische Tourismus- und Kulturjahr“ eingeweiht werden.

Diese Entwicklung zeigt, dass das Verhältnis zu Russland widersprüchlich bleibt. Trotz der gegenwärtig guten türkisch-russischen Beziehungen ist das erneute Auftreten von Spannungen nicht auszuschließen. Potenzielle Konfliktbereiche, genannt seien hier wieder die gegensätzlichen Positionen in Syrien, gibt es genug.