Nach der tödlichen Geiselnahme eines Staatsanwalts durch Linksextremisten der terroristischen DHKP-C in Istanbul geht die Polizei gegen mutmaßliche Unterstützer der Gruppe vor. Es kam zu Ausschreitungen und Festnahmen.
Nach der tödlichen Geiselnahme eines Staatsanwalts durch Linksextremisten der terroristischen DHKP-C in Istanbul geht die Polizei gegen mutmaßliche Unterstützer der Gruppe vor. Es kam zu Ausschreitungen und Festnahmen.

Nach der tödlichen Geiselnahme eines Staatsanwalts durch Linksextremisten in Istanbul hat die Polizei mehr als 20 mutmaßliche Anhänger der verbotenen DHKP-C festgenommen. Zu den 19 Festnahmen sei es am Mittwoch im südtürkischen Antalya gekommen, berichtete die Nachrichtenagentur DHA. Die türkische Zeitung „Hürriyet“ berichtete, die türkische Anti-Terror-Polizei habe zuvor Hinweise auf ähnliche Aktionen der DHKP-C in Antalya erhalten. Den Verdächtigen werde vorgeworfen, ähnliche Aktionen wie die Geiselnahme geplant zu haben. Der Anwalt der Verdächtigen wies die Vorwürfe zurück.

Fünf weitere Verdächtige wurden in den Städten Eskişehir und İzmir festgenommen. Türkischen Medienberichten zufolge sucht die Polizei in İzmir nach drei weiteren Personen. In der Stadt haben demnach Einheiten der Bereitschaftspolizei und der Spezialeinsatzkräfte insgesamt elf Ziele durchsucht.

Im Istanbuler Stadtteil Okmeydanı kam es in der Nacht zu Ausschreitungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Die Bereitschaftspolizei setzte Wasserwerfer und Tränengas ein, um mutmaßliche DHKP-C Sympathisanten daran zu hindern, eine nahegelegene Polizeistation zu stürmen. Auch an der Istanbul-Universität kam es am Mittwoch zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Studenten, wie DHA berichtete. Der regierungskritische Fernsehsender IMC berichtete, die Polizei habe dabei 36 Studenten in Gewahrsam genommen. Diese hätten an einer Gedenkveranstaltung für einen der getöteten Geiselnehmer teilgenommen.

Ausschreitungen in Okmeydanı und an der Istanbul-Universität

Linksextremisten hatten am Dienstag im zentralen Istanbuler Justizgebäude einen Staatsanwalt als Geisel genommen. Die verbotene DHKP-C bekannte sich zu der Tat. Die Polizei beendete die Geiselnahme nach neun Stunden gewaltsam. Die beiden Terroristen und der Staatsanwalt starben.

Der getötete Staatsanwalt ermittelte in dem politisch bedeutenden Fall Berkin Elvan. Der Jugendliche war bei den Gezi-Protesten im Sommer 2013 von einer Tränengaskartusche der Polizei am Kopf getroffen worden. Er starb nach neun Monaten im Koma. Bislang wurde niemand dafür zur Rechenschaft gezogen. Die Geiselnehmer hatten öffentliche Geständnisse der verantwortlichen Polizisten gefordert.

Die genauen Umstände der gescheiterten Geiselbefreiung sind noch unklar. Die pro-kurdische Oppositionspartei Halkların Demokratik Partisi (Demokratische Partei der Völker; HDP) forderte in einer im Internet veröffentlichten Erklärung, die Vorfälle müssten genau untersucht und die Ergebnisse öffentlich gemacht werden.

Zentrales Justizgebäude soll Namen des Staatsanwalts erhalten

Der Terrorangriff sorgte in der Türkei für große Betroffenheit. Am Mittwoch nahmen Tausende an der Trauerfeier vor der Beerdigung des Staatsanwalts teil. Die Trauerfreier fand vor dem zentralen Justizgebäude, in dem auch die Geiselnahme geschah, statt. Mehrere Politiker nahmen an der Veranstaltung teil: Parlamentssprecher Cemil Çiçek, die stellvertretenden Ministerpräsidenten Bülent Arınç, Yalçın Akdoğan und Numan Kurtulmuş, sowie der kommissarische Justizminister Kenan İpek. Auch der Vater des ermordeten Staatsanwalts war anwesend und sagte vor den Teilnehmern, er habe erst durch die Medien von der Tat gehört und habe nicht mehr mit seinem Sohn telefonieren können.„Mein Herz ist voll Schmerz“, sagte er.

Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu kündigte laut DHA an, das zentrale Justizgebäude werde künftig den Namen des Staatsanwaltes tragen. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan brach einen Staatsbesuch in Rumänien ab. In der rumänischen Hauptstadt Bukarest sagte er vor seiner Rückreise: „Unser Kampf gegen den Terrorismus muss mit Entschlossenheit weitergehen.“

Die DHKP-C hatte im Januar die Verantwortung für einen Anschlag in Istanbul übernommen, mit dem angeblich der Tod von Berkin Elvan gerächt werden sollte. Die Gruppe hatte sich im Februar 2013 zu einem Selbstmordanschlag auf die US-Botschaft in Ankara bekannt. Damals riss der Attentäter einen Wachmann mit in den Tod. Die DHKP-C steht in der Türkei, in der EU und in den USA auf der Terrorliste. Die Terrorgruppe unterhält auch in Europa und besonders in Deutschland ein Netzwerk. Einem  Bericht der Süddeutschen Zeitung von Anfang März zufolge hat der Bundesnachrichtendienst einen hochrangigen DHKP-C-Terroristen sieben Jahre lang als V-Mann geführt. Im Verlauf dieses „Verhältnisses“ wurde der Mann zum Deutschland-Chef der Terrororganisation.