Vom Militärputsch zum Bürgerkrieg – Das algerische Szenario

In Nordafrika geht die Angst um. Die Gefahr, dass die Lage am Nil außer Kontrolle und in einen Bürgerkrieg wie in den 90er Jahren in Algerien mündet, wird sehr ernst genommen. Und wie befürchtet geht das Militär nun gegen die im vergangenen Jahr demokratisch gewählte Muslimbruderschaft vor.

Nach der Absetzung von Präsident Mohammed Mursi haben die ägyptischen Behörden Haftbefehle gegen zwei führende Funktionäre der Muslimbruderschaft erlassen, aus der Mursi kommt. Mohammed Badia, dem spirituellen Führer der Organisation, und Chairat al-Schater, ihrem organisatorischen Hirn und Finanzier, werde die Anstiftung zu tödlicher Gewalt gegen Demonstranten vorgeworfen, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Mena am Donnerstag. Mursi befand sich seit Mittwoch in Gewahrsam des Militärs.

Experte: Neugestaltung Ägyptens nur mit Muslimbrüdern möglich

Nach dem Putsch gegen Mursi kann der Weg zu einem politisch stabilen Ägypten aus Expertensicht nur gemeinsam mit dessen Muslimbruderschaft gelingen. Entscheidend sei, die Muslimbrüder und ihre große Anhängerschaft dazu zu bringen, sich nicht vom politischen Prozess abzuwenden, sagte Stephan Roll, Ägypten-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa. „Das wäre ein verheerendes Signal, auch für die anderen Länder in der Region.“ Der Westen sollte alles daran setzen, alle Seiten an der Neugestaltung Ägyptens zu beteiligen, um eine ähnliche Entwicklung wie in Algerien zu vermeiden.

Die ägyptische Militärführung hatte am Mittwoch nach tagelangen teils blutigen Massenprotesten den vor einem Jahr zum Präsidenten gewählten Mursi abgesetzt.

Parallelen zu der Situation in Algerien Anfang der 90er Jahre?

Ja, vor allem weil es bis zu den derzeitigen Ereignissen in Ägypten das letzte Mal war, dass die Armee eines großen arabischen Landes den Regierungschef einer islamisch-konservativen Partei stürzte. In Algerien hatte die fundamentalistische Islamische Heilsfront (FIS) Ende 1991 mit großem Abstand die erste Runde der Parlamentswahlen gewonnen. Nach einem Staatsstreich durch das Militär sagte das neue Regime allerdings den zweiten Wahlgang ab, rief den Ausnahmezustand aus und ließ die FIS verbieten. Zur Begründung hieß es, man wolle einen offenen Aufstand verhindern.

Gab es anschließend sofort Gewalt?

Erst einmal nicht. Die Anhänger der FIS hatten monatelang Verfassungstreue geschworen und zögerten nun. Sie wussten, wenn sie auf die Straße gingen, liefen sie Gefahr, vom Militär zusammengeschossen zu werden. Würden sie den Schlag widerstandslos einstecken, drohte ihnen aber der Verlust ihrer Glaubwürdigkeit bei den erwartungsvollen Anhängern. Schließlich rief die FIS doch zum bewaffneten Aufstand auf.

Was passierte anschließend?

Der militante Arm der nun im Untergrund tätigen FIS und die Bewaffnete Islamische Gruppe (GIA) überzogen das Land mit Terror. Der 1992 begonnene Bürgerkrieg zwischen dem Regime und den Guerilla-Kämpfern kostete nach vorsichtigen Schätzungen etwa 150 000 Menschen das Leben.

Wie konnte der Konflikt gelöst werden?

Der 1999 mit Unterstützung des Militärs gewählte Präsident Abdelaziz Bouteflika begann eine „Politik der Versöhnung“. Zahlreiche Extremisten gaben nach einem ersten Amnestieangebot ihre Waffen ab. Diejenigen, die nicht an Massakern, Bombenanschlägen oder Vergewaltigungen beteiligt waren, wurden begnadigt. Trotz Bouteflikas Befriedungspolitik erschüttern aber immer wieder Terroranschläge den Staat. Algerien ist auch das Stammland der Terrororganisation „Al-Kaida im islamischen Maghreb“.

Wo steht Algerien heute?

Seit der Revolution im Nachbarstaat Tunesien Anfang 2011 regt sich auch in Algerien vermehrt Unmut über die autoritär herrschende Staatsspitze. Die Erfahrungen des blutigen Bürgerkriegs in den 90er Jahren prägen das Land allerdings bis heute. „Kaum einer in Algerien möchte, dass es noch einmal Chaos, Gewalt und Zerstörung gibt“, sagen ausländische Beobachter in Algier. Bouteflikas derzeitige Amtsperiode endet 2014. Es wird erwartet, dass er krankheitsbedingt nicht erneut antritt. Der 76-Jährige erlitt Ende April einen offensichtlich schweren Schlaganfall. Seitdem wird er in Paris behandelt. (dpa/dtj)