Immer mehr junge Frauen und Mädchen reisen nach Syrien und schließen sich dort dem Islamischen Staat an. Eine Analyse zeigt, was sie dort erwartet erwartet.
Immer mehr junge Frauen und Mädchen reisen nach Syrien und schließen sich dort dem Islamischen Staat an. Eine Analyse zeigt, was sie dort erwartet erwartet.

ANALYSE Eine 19-jährige Medizinstudentin und Anhängerin der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) will aus den Reihen der Organisation desertieren und zu ihrer Familie zurückkehren. Dies berichtete Mehmet Ali Ediboğlu, Abgeordneter der größten Oppositionspartei CHP (Cumhuriyet Halk Partisi, Republikanische Volkspartei) am Mittwoch in einem Fernsehinterview. „Eine weibliche Studentin, die 19-jährige Lena, hat ihrer Familie eine Nachricht gesendet und erklärt, dass sie zurück möchte. Wir werden (…) versuchen, sie und ihre Begleiter (in die Türkei) zu bringen.“

Den Angaben der türkische Zeitung Zaman zufolge schloss sich„Lena“ mit einer Gruppe von Kommilitonen dem IS an. Die Medizinstudenten, die zwischen 19 und 25 Jahre alt sind, waren erst am 12. März von der sudanischen Hauptstadt Khartum nach Istanbul geflogen, offenbar um von dort illegal in das Herrschaftsgebiet des IS in Syrien und dem Irak einzureisen.

Darüber, wie er mit dem Mädchen Kontakt halte oder wo genau sich „Lena“ derzeit befinde, machte Ediboğlu keine weiteren Angaben. Die Ankündigung einer solchen Aktion ist ungewöhnlich, da der IS Mitglieder, die sich aus Syrien oder dem Irak absetzen und die Terrormiliz verlassen möchten, für gewöhnlich verfolgt. Verschiedenen Berichten zufolge richteten IS-Kämpfer bereits mehrmals „Deserteure“ und Kritiker in den eigenen Reihen hin.

Fraglich bleibt, ob die Betroffenen ohne Weiteres zurück in ihre Heimatländer reisen dürfen. Die Grunde für das plötzliche Heimweh der Studenten ist bislang unklar. Ein türkischer Beamter sagte laut Zaman, dass die Geheimdienste der Türkei, Englands und des Sudans gemeinsam die Ermittlungen in dem Fall aufgenommen hätten.

Warum schließen sich Frauen dem IS an?

Der Fall der 19-jährigen „Lena“ verdeutlicht, dass der IS auch immer mehr Frauen – auch aus dem Westen – anzieht. Das Phänomen wurde lange Zeit entweder ignoriert oder missinterpretiert: Zwar kursierten im Netz seit dem Erstarken extremistischer Gruppen in Syrien vereinzelt Berichte über eine ominöse Praxis mit dem Namen ǧihād an-nikaḥ“, bei der Frauen sich den Kämpfern der extremistischer Gruppen als willige Ehepartner zur Verfügung stellen würden. Doch in den entsprechenden Medienberichten waren oft starke Übertreibungen und Falschmeldungen enthalten, sodass ǧihād an-nikaḥ“ oft als Erfindung und Propaganda – etwa des syrischen Regimes – bezeichnet wurden.

Als Grund für den Beitritt von (westlichen) Frauen in die Reihen des IS wurde jedoch meist die vermeintliche Naivität junger Mädchen, die, angelockt von IS-Macho-Typen oder süßen Kätzchen-Bildern, nach Syrien oder den Irak „gelockt“ würden. Darüber, dass Frauen – genau wie ihre männlichen Gesinnungsgenossen – auch aus ideologischen, materiellen oder ähnlichen Gründen die Reise ins „Kalifat“ antreten könnten, war in Medienberichten oder Experten-Interviews kaum etwas zu lesen.

Das Zahl der weiblichen IS-Rekruten steigt stetig: Hayat Boumeddiene (26) aus Paris, Elif Ö. (16) aus München, Shamima Begum (15), Amira Abase (15) und Kadiza Sultana (16) aus London und nun„Lena“ – um nur einige der bekanntesten Beispiele von Frauen und Mädchen zu nennen, die sich in den letzten Monaten aus verschiedensten Gründen dem IS anschlossen.

IS-Anhängerinnen in Syrien: Mit der AK auf dem BMW

Das Bundesamt für Verfassungsschutz gab diese Woche bekannt, dass über 70 deutsche Frauen nach Syrien und in den Irak ausgereist seien. Laut dem Verfassungsschutz-Präsidenten Hans-Georg Maaßen sind 40% dieser Frauen unter 25 Jahre alt, neun von ihnen sogar minderjährig.

Mittlerweile findet das Phänomen der weiblichen IS-Rekruten auch auf internationaler Ebene Beachtung. Der auf Extremismus und Islamismus spezialisierte Blog Blog Jihadology veröffentlichte am Dienstag eine Analyse des Extremismus-Forscher an der Quilliam Foundation, Charlie Winter. Darin untersuchte Winter die Rolle von Frauen im IS.

Als Aufhänger nahm der Wissenschaftler mehrere Fotos, die auf Twitter offenbar von IS-Anhängerinnen aus Syrien veröffentlicht wurden: Bilder von vollverschleierten Frauen, die mit Waffen in den mit Handschuhen bedeckten Händen auf einem weißen BMW posen. Was anfangs als schlechter Scherz aufgenommen wurde, ist die neue Vermarktung des IS, so Winter. Die Frauen luden die Fotos offenbar selbst auf Twitter hoch, um möglichen Nachahmerinnen ein – wie Winter erklärt – verfälschtes Bild der Wirklichkeit im selbsternannten Islamischen Staat zu vermitteln. Das Ziel dieser Aktion sei es, den weiblichen IS-Sympathisantinnen im Westen ein luxuriöses Leben im „Kalifat“ und eine Art „5-Sterne-Dschihad“ vorzugaukeln. Die Sympathisantinnen sollen demnach annehmen, genau wie ihre männlichen Gesinnungsgenossen am Kampfgeschehen teilnehmen zu können und anschließend – aus ihren Augen – als „Heldinnen“ ebenbürtig an der Kriegsbeute beteiligt zu werden.

Frauen beim IS: Tolle Bilder – Trister Alltag

Dieses Bild ist Winter zufolge jedoch trügerisch. Hinter den teilweise prolligen Propaganda-Bildern der IS-Anhängerinnen steckt Kalkül: Einmal ausgereist, erwartet die IS-Rekrutinnen – die sich selbst als „muhājirāt“ (Auswanderinnen) bezeichnen – meist das genaue Gegenteil.

Um die Frage zu klären, was ein Mädchen oder eine junge Frau in den Reihen des IS erwartet, nimmt Winter Bezug auf einige „inoffizielle Quellen“: Twitter-Accounts von anderen IS-Anhängerinnen, die offenbar nicht in die IS-Propaganda-Maschinerie eingebunden sind. Die aus Glasgow stammende IS-Anhängerinnen Aqsa Mahmood beschreibt ihr Leben beim IS beispielsweise als „alltäglich“/ „normal“. In ihrem „digitalen Tagebuch“ schreibt sie, dass ihr Alltag aus Kochen, Putzen und Kinderhüten bestünde. Mit Waffen habe sie überhaupt nichts zu tun. Frauen würden sich nicht am „Qitāl“ (Kampf) beteiligen. Die Bilder von Waffen-haltenden Frauen seien Propaganda, so die junge Frau ehrlich.

Eine Diskussion, die jüngst auf Twitter ausgebrochen ist, untermauert die Vermutung, dass Frauen beim IS keinen Dienst an der Waffe verrichten. Nach der Eroberung der syrischen Stadt Idlib durch verschiedene Rebellen-Gruppen, kursierte auf dem Kurznachrichtendienst ein Bild, das angeblich eine weibliche Kämpferin des al-Qaida Ablegers al-Nusra-Front zeigen soll. Obwohl nicht klar ist, ob es sich bei der Person tatsächlich um eine weibliche al-Nusra-Kämpferin handelt, verhöhnten IS-Anhänger in Kommentaren die rivalisierende Extremisten-Gruppe. Eine Frau als bewaffnete Kämpferin? – lächerlich. So der Tenor der IS-Anhängerschaft.

Ein weiterer interessanter Punkt, ist, dass sich die aggressive Rhetorik von männlichen und weiblichen IS-Anhängern offenbar nicht voneinander unterscheidet: Gegner des IS werden entweder als kuffār (Ungläubige) geächtet oder mit abwertenden Bezeichnungen wie nuṣayriyyīn (Anhänger von Muḥammad ibn Nuayr) für Alawiten oder rāfiḍa (Ablehner) für Schiiten bedacht.

Dokument gibt Einblick in das Rollenbild des IS

Winter übersetzte außerdem ein Dokument mit dem Titel „Frauen im Islamischen Staat“, das auf einem bis zu seiner Abschaltung von IS-Anhängern frequentierten Forum hochgeladen worden war – offenbar von einem Mitglied der Medienabteilung der „Al-Khansā’-Brigade“. Obgleich das Papier kein offizielles Dokument der Brigade ist, gibt es dennoch einen einmaligen Einblick in die Gruppe, die in Medienberichten als reine IS-Frauenorganisation und eine Art weibliche Sitten-Polizei beschrieben wurde, in der hauptsächlich britische und französische Frauen dienen würden. Winter legt sich bei der Beurteilung der „Al-Khansā’-Brigade“ nicht fest, sondern schlussfolgert an Hand des etwa 10.000 Wörter umfassenden Dokuments, dass „was auch immer die „Al-Khansā’-Brigade“ genau ist, wir wissen, dass sie existiert und dass sie vom ‚Staat‘ zugelassen ist“.

In dem Dokument werden die Aufgaben der Frauen im „Islamischen Staat“ klar definiert: Lehren, Propaganda betreiben, Kinderhüten und niederer Polizeiaufgaben, so etwa Über- und Bewachung von Personen oder Gebäuden. Nicht enthalten ist – entgegen der oben beschriebenen IS-Propaganda-Fotos: Der Dienst an der Waffe. Nur in Ausnahmefällen dürften Frauen zur Waffe greifen, so etwa „wenn ihr Land angegriffen wird und es nicht genügend Männer gibt, um es zu verteidigen und wenn die Imame eine Fatwa dafür erlassen.“

Das Dokument enthält darüber hinaus Regelungen darüber, wie das Leben einer Frau im IS-Staat auszusehen hat, welche Behandlung sie erwarten können und welche Verantwortungen sie tragen. Dabei wird anfangs auch auf das Themenfeld Feminismus eingegangen, der herablassend als „westliches Programm für Frauen“ deklariert wird. Feminismus ist dem Autor des Dokuments zufolge ein Resultat von Modernisierung, Materialismus und des „Anstiegs entmannter Männer, welche die ihnen (von Gott) in Bezug auf die umma zugewiesenen Aufgaben nicht mehr stemmen können“. Eine Frau könne sich durch ihre hiǧra (Ausreise) und den Anschluss an den IS von der „kulturellen Verderbtheit des Westens emanzipieren“, fasst Winter die Argumentation des IS-Dokuments zusammen.

Wie an dieser Ausführung gut erkennbar, ist die Rollenverteilung in der IS-Ideologie stark an einer spezifischen Auffassung von Männlichkeit angelehnt. Die IS-Kämpfer verkörpern innerhalb dieser Ideologie die reinste Form der Männlichkeit und würden auf Grund ihrer Taten und offensichtlichen Überzeugung für muslimische Frauen den Idealen Partner darstellen, so Winter. Aus der Sicht vieler IS-Anhängerinnen sei eine Ehe mit einem IS-Kämpfer daher ihrem Wunsch, eine rechtschaffende Muslima zu sein, zuträglich. Dieses Konzept erinnert stark an die bereits erwähnte Praxis des „ǧihād an-nikaḥ“.

Heirat mit 9 Jahren: Idealer Werdegang einer Frau nach IS-Vorstellung

Das von Winter übersetzte Manifest geht außerdem auf das empfohlene Heiratsalter von Mädchen ein. Demnach seien Mädchen bereits im Alter 9 Jahren heiratsfähig. Zu diesem Zeitpunkt befänden sich die Mädchen dem Dokument zufolge idealerweise im zweiten Jahr ihrer 6-jährigen „Ausbildung“, bei der ihnen Stricken, Kochen und religiöse Theologie beigebracht würde. Nach der frühen Heirat und der abgeschlossenen „Ausbildung“ bestehen die Aufgaben einer Frau dem Dokument zufolge aus traditionellen Haushaltsaufgaben. Als Ehefrau und Mutter sei es Aufgabe der Frauen, den IS„hinter geschlossenen Türen zu unterstützen“, erklärt Winter.

Da die Frau von und für Adam gemacht worden sei, sieht der ‚Dschihad der Frauen‘ laut IS-Ideologie so aus, dass sie es ihrem Ehemann ermöglicht, seinen Pflichten des Dschihads (ungestört) nachzukommen.

Endgültige Gewissheit über das Leben von Frauen in den Reihen des IS lässt sich auf Grund der unsicheren Quellenlage und der unübersichtlichen Verhältnisse vor Ort wohl kaum erreichen. Ob die Frauen im IS ein glamouröses und aufregendes Leben an der Seite ihrer Ehemänner führen – so wie von einigen IS-Anhängerinnen auf Twitter behauptet – oder ob sich ihr Alltag in einem engem, strikten und durch männliche IS-Mitglieder kontrollierten Rahmen bewegt, ist nicht zweifelsfrei zu klären. Doch letzteres Szenario erscheint aus den oben angeführten Punkten realistischer.

Heiratete Abū Bakr al-Baġdādī eine Deutsche?

Einer Frau aus Deutschland ist nun offenbar gelungen, innerhalb der IS-Strukturen durch Heirat aufzusteigen. Die in London ansässige Internettageszeitung „Elaph“ gab am Donnerstag unter Berufung auf eine lokale Quelle bekannt, dass der Anführer und selbsternannte Kalif des Terrorstaates IS Abū Bakr al-Baġdādī unter strenger Geheimhaltung eine der 70 deutschen Frauen, die sich dem IS angeschlossen haben, geheiratet haben soll. Die Eheschließung ist demnach in der vom IS besetzten irakischen Stadt Mosul erfolgt. Der Frau soll eine führende Positionen in der Terrororganisation zugeteilt worden sein, bei der sie für die Aufsicht über die Frauen innerhalb der Organisation verantwortlich wäre.

Die Frage, warum immer mehr junge Menschen aus dem Westen den Aufrufen der IS-Propaganda folgen und sich auf die Reise nach Syrien und den Irak begeben und was gegen diese Entwicklung unternommen werden kann, ist mit Blick auf die steigenden Zahlen von ausgereister Mädchen und Frauen dringender denn je.