Eine zehnköpfige Kommission begutachtete im Vorfeld der Rückkehr die Lage vor Ort.

Die Jesiden, welche im Jahr 1985 auf Grund der Konflikte in der Region aus ihrer Heimat, dem Mağara Dorf (25 Meter entfernt von Midyat) nach Deutschland ausgewandert waren, haben nun mit den Vorbereitungen für ihre Rückkehr begonnen. Eine zehnköpfige Kommission, bestehend aus in Deutschland lebenden Jesiden, war in das Dorf Mağara im Südosten der Türkei gereist, um die Lage vor Ort zu begutachten.

Die Kommissionsmitglieder erstellten unter Leitung des Kivah(Höhle)-Dorf-Vereines mit Hauptsitz in Deutschland mit dem Ziel einer Kostenabschätzung für Restaurierung, Instandhaltung und Reparatur der verwüsteten Häuser und Gebetsstätten ein Schadensgutachten. Anschließend wandten sie sich an das Büro des Gouverneurs in Şırnak und das Landratsamt von Idil, damit die Arbeiten zur Ausstattung des Dorfes mit Elektrizität, einer Wasserleitung und Infrastruktur gestartet werden.

„Ich wollte den Boden küssen”

Nurettin Genç (58), der 1985 nach Bremen ausgewandert ist, teilte mit, dass sich zu jener Zeit im Dorf 92 Haushalte befunden hätten, diese Zahl in Europa jedoch auf 450 gestiegen sei: Der gegenwärtige Friedensprozess hat uns allen Hoffnung geschenkt und aus diesem Grund haben wir uns entschieden, zurück in unser Dorf zu kehren. Seit ich ausgewandert bin, sind nunmehr genau 28 Jahre vergangen. Ich bin wirklich sehr aufgeregt. Als ich den Erdboden meines Dorfes sah, wollte ich ihn küssen. Natürlich bewegt einen die Rückkehr in das Dorf.”

„Wir haben uns für eine endgültige Rückkehr entschieden“

Osman Akbulut, der im Vorfeld der Rückkehr in das Dorf die Kommission aufgestellt hatte, erklärt folgendes: „Mit den Kollegen in der Kommission führen wir die ersten Untersuchungen im Dorf durch. Wir erstellen Schadens- und Verlustbegutachtungen. Danach werden wir unsere Häuser und Gebetsstätte wieder aufbauen. Wir haben erkannt, dass es unserem Dorf an vielem fehlt.

Außerdem hat unser Dorf Bedarf an Infrastruktur, Strom- und Wasserversorgung. Vom Gouverneur und vom Landratsbezirk erwarten wir, dass sie diese Mängel ausgleichen. Wir haben uns für eine endgültige Rückkehr in unser Dorf entschieden. Diese Rückkehr kann nur schrittweise stattfinden. Mit einem Male klappt das nicht, denn in unserem Dorf gibt es momentan weder Wasser noch Strom. Unsere Häuser sind zerstört. Unsere Entscheidung für eine endgültige Rückkehr haben wir auch den Menschen unserer Nachbardörfer mitgeteilt. Wir wollen, dass auch sie für uns eintreten. Es ist nicht mehr wie früher, nun beginnt in der Türkei eine neue Ära. Wir haben Hoffnung, dass alles noch besser wird. Wir haben einen Appell an alle Jesiden: Wir wollen, dass jeder in sein Dorf zurückkehrt. Die Atmosphäre für eine Rückkehr ist sehr günstig.”

„Als ich das Dorf leer sah, musste ich weinen“

Hazal Genç, das einzige weibliche Mitglied der Kommission, war gezwungen, ihr Dorf mit 19 Jahren zu verlassen. Als sie nach langer Zeit zum ersten Mal wieder im Dorf ankam, war sie tief bewegt und weinte: „Der Friedensprozess hat uns erfreut. Folglich haben wir uns entschieden, endgültig in unser Dorf zurückzukehren. Als eine Mutter möchte ich, dass keine Kinder mehr sterben. Das Leiden jeder Mutter, egal ob kurdisch oder türkisch, ist gleich. Wir wollen Frieden. Wir wollen, dass niemand mehr leidet. Als ich im Dorf die Häuser und Gebetsstätte in Ruinen sah, war ich sehr traurig. Das Dorf ist verlassen, die Berge sind leer. Neben den Grabstätten ist niemand zu sehen. Die Leere in unserem Dorf bereitet mir Kummer. Die Kinder hatten auf den Dächern dieser Häuser und auf den Straßen sehr schön gespielt, bevor wir von hier ausgewandert waren. Von der Vergangenheit ist nun nichts mehr zu finden. Als mir dies bewusst wurde, musste ich bitterlich weinen. All dies habe ich so sehr vermisst. Wir haben unserem Staat vertraut und uns entschieden, endgültig zurückzukehren. Wir wollen unser Dorf in den Zustand zurückbringen, in dem es früher war.“

„Das Grab meines Vaters werde ich erneuern“

Auch Şükrü Tuncel, der mit seinen Kindern in Bielefeld lebt, hat geäußert, dass er sich dank des Friedensprozesses entschlossen hätte, in sein Dorf zurückzukehren: „Wir haben vom Friedensprozess erfahren und wollen deshalb zurück in unser Dorf. Wir vermissen unsere Heimat, unser Dorf. Niemand kann den Ort, wo er geboren und aufgewachsen ist, vergessen. Auch unsere Verstorbenen bringen wir aus Deutschland hierher. Für das Grab meines Vaters habe ich 9000 Lira ausgegeben. Ich kann ihn hier nicht alleine lassen. Wir sind gezwungen, zurückzukehren. Von den staatlichen Beamten unseres Staates erwarten wir Unterstützung für die Gründung einer Infrastruktur unseres Dorfes. Jede Seite unseres Dorfes ist beschädigt. Früher gab es Strom, doch heute gibt es weder einen Stempel noch einen Transformator. Die ganze Umgebung unseres Dorfes bestand aus einem Wald, auch unseren Wald hat man abgeholzt.”

Auch wenn es in der Türkei noch vielerei Defizite gibt, was Minderheitenrechte anbelangt, so gibt es doch einige Fortschritte in dieser Hinsicht. In Mardin beschlossen Jesiden kürzlich den Bau eines Gäste- und Kulturhauses. An der Eröffnungszeremonie des Gebäudes, das kürzlich eröffnet wurde, nahmen auch die Gouverneure von Mardin und Midyat teil. Es war die erste jesidische Veranstaltung in der Türkei, an der Landesbehörden bzw. Staatsorgane teilnahmen.

Der jesidische Glaube ist eine nicht missionierende, monotheistische religiöse Kleingruppe, deren religiöse Vorstellungen unter anderem vom Zoroastrismus, teils vom Sufismus inspiriert sind. Die Anhänger dieses Glaubens leben größtenteils im Nordirak, außerdem gibt es auch jesidische Gemeinden in Armenien, Aserbaidschan, der Türkei, Syrien und Teilen Europas. Man kann nur durch Geburt Mitglied der jesidischen Community werden.