Das internationale Terrornetzwerk al-Qaida will in nächster Zeit die Gründung eines „islamischen Staates“ im Norden Syriens verkünden, berichtet die arabischsprachige Zeitung „Asharq Al-Awsat“ am Dienstag unter Berufung auf die Freie Syrische Armee (FSA). Die al-Qaida-Kämpfer haben nach Zeitungsangaben vor, die gegen die syrische Armee kämpfenden FSA-Truppen gewaltsam zu vertreiben und die Grenzübergänge an der syrisch-türkischen Grenze zu besetzen. Damit wollen die Terroristen den Zustrom von Waffen- und Munition aus der Türkei sowie die Einnahmen aus dem Ölschmuggel aus Syrien unter ihre Kontrolle bringen.

Die FSA will dem Angriff bzw. der Eröffnung einer zweiten Front vorbeugen, denn beides würde die Regimegegner im Kampf gegen das Regime unvermeidlich schwächen. Zugleich festigt die FSA ihre Stellungen in den Gebieten bzw. Objekten, wo ein Angriff der al-Qaida-Terroristen möglich ist. Nach FSA-Angaben werden die Kämpfer gleich nach dem Ende des Ramadan (8./9.August) zu aktiven Handlungen übergehen.

Vorangegangen waren Berichte, dass mit al-Qaida verbundene Extremisten mehrere FSA-Mitglieder, darunter den ranghohen syrischen Rebellenkommandeur Kamal Hamami, getötet hätten. Bemerkenswert ist dabei, dass die Terroristen und die FSA-Gruppen früher ihre Handlungen bei Gefechten gegen die Regierungstruppen häufig untereinander abgestimmt hatten. In den Reihen der al-Qaida-nahen Gruppierungen kämpfen ausländische Söldner, die die Gründung eines „Scharia-Staates“ auf dem Territorium Syriens als Ziel ihres Einsatzes nicht verhehlen.

Die syrischen Behörden mahnen indes vor dem wachsenden Einfluss der bewaffneten al-Qaida-Gruppen, darunter der sogenannten al-Nusra Front. Der syrische Außenminister Walid al-Moallem hat zuvor darauf aufmerksam gemacht, dass sich viele FSA-Einheiten der al-Nusra-Front anschließen würden. Auch zwischen kurdischen Einheiten und Teilen der FSA kam es in der Vergangenheit zu bewaffneten Auseinandersetzungen.
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Waffenlieferungen aus Großbritannien bleiben aus

Großbritannien will unterdessen die syrischen Oppositionellen nicht bewaffnen, sondern ausbilden, und rechnet damit, in einem halben Jahr Präsident Baschar al-Assad an den Verhandlungstisch zwingen zu können, schreibt die „Daily Mail“ am Montag unter Berufung auf Regierungskreise. Nach Zeitungsangaben hat der britische Premier David Cameron nach einer Beratung mit der Militärführung seine Pläne für Waffenlieferungen an die Opposition in Syrien aufgegeben.

Die Waffenlieferungen würden das Kräfteverhältnis in Syrien kaum verändern, so das Militär. Politiker machten ihrerseits Cameron darauf aufmerksam, dass die Waffenlieferungen sich negativ auf seine Wahlchancen auswirken würden. „Man kann drei Dinge tun: Waffen, Ausbildung und Beratung. Von uns darf etwas erwartet werden, was die Lage irgendwie beeinflussen könnte, und das sind Ausbildung und Beratung. Es ist unmöglich, die erforderliche Menge der militärischen Ausrüstung zu liefern, damit die Aufständischen und das Regime auf dem gleichen Niveau spielen“, so die Zeitungsquelle.

Die syrische Opposition bekomme ohnehin Waffen von Katar und Saudi-Arabien, weshalb die britischen Waffen kaum etwas verändern würden. „Die Minister sind der Auffassung, dass noch 18 Monate Konflikt erforderlich sein werden, bevor Assad sich an den Verhandlungstisch setzt“, so die Zeitung.

Zuvor hatten Cameron und der britische Außenminister William Hague mehrmals erklärt, dass Großbritannien zusammen mit seinen Verbündeten auf eine politische Lösung des Konfliktes in Syrien hinarbeiten werde. Niemand sei an einer Verschärfung der Spannungen interessiert, hieß es. Cameron betonte dabei, London habe vorerst keine Entscheidung über eventuelle Waffenlieferungen nach Syrien getroffen, es wolle allerdings diese Möglichkeit nicht endgültig streichen.

Waffenlieferungen seien erst dann möglich, wenn auch andere Länder sich dafür entscheiden – allerdings unter der Voraussetzung, dass die internationalen Gesetze eingehalten werden und die Waffen ausschließlich für den Schutz der Zivilbevölkerung verwendet werden, betonte Cameron.

Regime missbraucht Kinder als Schutzschilde im Häuserkampf

Truppen des syrischen Regimes sind am Dienstag tief in das Industrie-Viertel Al-Kabun am Rand von Damaskus vorgedrungen. Die Einheiten der Republikanischen Garde setzten auch Panzer ein und wurden durch schweres Artilleriefeuer und Bombardierungen aus der Luft unterstützt, berichteten syrische Aktivisten. Der Vormarsch in die von Rebellen kontrollierte Vorstadt löste nach diesen Angaben eine Flüchtlingswelle aus.

Die Republikanische Garde wird von Maher al-Assad kommandiert, einem Bruder von Staatschef Baschar al-Assad. In Al-Kabun nahmen die Einheiten Hausdurchsuchungen vor. Dabei hätten sie Jugendliche und Kinder als „lebende Schutzschilder” vor sich hergeschoben, berichteten die Aktivisten. Häuser von mutmaßlichen Rebellen wurden nach diesen Darstellungen in die Luft gesprengt.

In den vergangenen Wochen zeigten sich die Regimetruppen in der Offensive. Nach Waffenlieferungen aus Russland und dem Iran und der Verstärkung durch Tausende Kämpfer der libanesischen Hisbollah-Milizen hat sich ihre strategische Überlegenheit gegenüber den Aufständischen weiter verstärkt. Das Auftreten der al-Qaida-Terroristen schwächt die syrische Opposition weiter.
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Golan beschossen

Unterdessen droht der Konflikt weiter, Nachbarländer miteinzubeziehen. Am Dienstag wurden die seit 1967 von Israel besetzt gehaltenen Golan-Höhen durch Granatenbeschuss aus Syrien getroffen, wie eine Sprecherin der israelischen Streitkräfte berichtete. Mehrere Granaten wären auf dem nördlichen Golan-Territorium explodiert, Personen- oder Sachschäden entstanden jedoch keine.

Ursache waren der IDF-Sprecherin zufolge Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen. Ein absichtlicher Beschuss liege nicht vor. Seit Beginn der Kampfhandlungen war Israels Territorium mehrfach durch Beschuss mit Granaten oder aus Schusswaffen in Mitleidenschaft gezogen worden, was in mehreren Fällen israelische Vergeltungsangriffe zur Folge hatte.

Uni erkennt Erdoğan Ehrendoktorwürde ab

Wie die staatliche syrische Nachrichtenagentur SANA berichtet, hat die Universität Aleppo unterdessen dem türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdoğan seine Ehrendoktorwürde wegen seiner „Komplotte gegen das syrische Volk“ und seine „willkürliche Gewalt“ gegen Demonstranten in der Türkei aberkannt. Khudur Orfaly, Dekan an der Universität, beschrieb die Entscheidung als „Solidaritätsadresse an die freundlichen Teilen des türkischen Volkes, die Erdoğans feindselige Politik zurückweisen“.

Seit Beginn der blutigen Niederschlagung der Demonstrationen gegen den syrischen Diktator Assad Anfang 2011 sind mittlerweile mehr als 100 000 Menschen ums Leben gekommen. (RIA Novosti/FOX News/dpa)