Die am Wochenende vom türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan während eines Gipfeltreffens mit lateinamerikanischen Muslimen in Istanbul vorgetragene These, wonach nicht Christoph Kolumbus, sondern Muslime den amerikanischen Kontinent entdeckt hätten, sorgt auch in Spanien für Schlagzeilen.

Die Medien, die umfassend über die Äußerungen Erdoğans berichteten, schrieben, dass Kolumbus in seinem Tagebuch keinesfalls eine Moschee an der kubanischen Küste erwähne. Der genuesische Seefahrer, der im Auftrag des spanischen Königs unterwegs war, zitiere einzig den Philosophen und Religionsgelehrten Bartolomé de las Casas. Dieser habe in „einem seiner Märchen“ geschrieben, er habe einen Berg gesehen, worauf eine Erhebung stehe, die einer schönen Moschee ähnele.

El Pais wies darauf hin, dass die These, die Erdoğan in den Raum warf, nicht neu sei. Vor ihm hätten bereits andere muslimische Forscher und Autoren sie erwähnt und sich auf ein chinesisches Dokument berufen. Die Zeitung lud Erdoğan außerdem ein, Beweise vorzubringen. Schließlich sei man auch in der Zeit nach Kolumbus bei archäologischen Ausgrabungen nie auf Reste einer Moschee gestoßen.

Die Worte des türkischen Präsidenten riefen auch in den Sozialen Medien in Spanien Diskussionen hervor. Die Mehrheit der Beiträge und Kommentare gingen in die Richtung, dass man Erdoğans Aussagen nicht ernst nehme.

Daneben schaffte es Erdoğan auch auf die Titelseiten einiger lateinamerikanischer Medien. In Argentinien, Mexiko, Brasilien, Venezuela und weiteren mittel- und südamerikanischen Ländern wurde ausführlich über die Entdeckungsthese berichtet.

Zahlreiche weitere Erzählungen und Legenden

Über die allfällige Entdeckung Amerikas vor Kolumbus gibt es einige Erzählungen, Legenden und Mythen. So glaubt etwa die „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“ (Mormonen), dass es einen verlorenen Stamm Israels gegeben hätte, der nach der Zerstörung Jerusalems durch den babylonischen König Nebukadnezar II. etwa im fünften Jahrhundert ausgewandert sei und auf dem amerikanischen Kontinent Fuß gefasst habe.

Im vierten und achten Jahrhundert sollen dem Bericht „Before Columbus“ des Orientalisten Cyrus Gordon zufolge zudem römische und arabische Münzen vor Venezuela gefunden worden sein.

In der Schrift Muruj adh-Dhahab wa Ma’adin al-Jawhar (Goldene Weiden und Juwelenminen) aus dem Jahr 956 n.Chr. schrieb der Universalgelehrte Abul Hassan Ali ibn al-Hussain ibn Ali al-Masudi über einen jungen Mann aus Cordoba, Khashkhash ibn Saeed ibn Aswad, der über den Atlantik gereist, Bekanntschaft mit Menschen von drüben gemacht haben und 889 wieder zurückgekehrt sein soll.

Chinese Zheng He war ebenfalls Muslim

Weitere Darstellungen beziehen sich beispielsweise auf einen afrikanischen König Abubakari II. (eigentlich: Abū Bakr), der um 1310 regiert und später abgedankt haben soll, um eine Expedition über den Atlantik durchzuführen. Die Existenz dieses Königs gilt aber quellenmäßig als nicht erwiesen.

Außerdem stellte der britische Schriftsteller Gavin Menzies die Hypothese auf, dass die chinesische Schatzflotte unter Zheng He in den Jahren 1421 bis 1423 eine Weltumsegelung durchgeführt habe, wobei Amerika und andere Erdteile entdeckt worden seien. Zheng He war übrigens ebenfalls Muslim.

Es gilt als durchaus nicht unwahrscheinlich, dass es auch vor Kolumbus bereits Seefahrer gegeben hat, die auf dem amerikanischen Kontinent gelandet waren. Allerdings fehlen eindeutige Nachweise dafür, dass diese angesichts der damaligen Strömungsverhältnisse jemals wieder zu ihrem Ursprung zurückgekehrt sein könnten.