In einem Interview mit der Zeitschrift Aksiyon analysiert der Militärhistoriker Edward Erickson die Situation vor den Zwangsdeportation der Armenier im Jahre 1915.

Die Türken glauben, dass ihnen die Armenier – obwohl diese unter den Osmanen den besonderen Titel des „Millet-i Sadıka” (verlässliche Religionsgemeinschaft) hatten – von hinten in den Rücken gefallen sind. Haben die Türken Recht?

Wir sollten nicht vergessen, dass die osmanischen Armenier gesetzestreue Menschen waren und die armenischen Revolutions-Komitees nicht unterstützt haben. Zudem hatten die Jungtürken nach 1912 einige Möglichkeiten ihren guten Willen den Armeniern gegenüber zu zeigen. Sie haben diese Möglichkeiten jedoch nicht genutzt. Dies sollte man nicht vergessen. Sowohl die Anführer der Revolutions-Komitees als auch die Anführer des Komitees für Einheit und Fortschritt (KEF), die in der Regierungsverantwortung waren, tragen gleichermaßen Verantwortung für Entstehen des Feindbildes „Armenier” im osmanischen Reich.

Wenn nun die meisten Armenier diese Komitees nicht unterstützt haben, warum haben dann die Osmanen die Armenier zwangsdeportiert und eine Tragödie verursacht?

Die osmanische Regierung hat 400.000 Armenier zur Umsiedelung gezwungen. Von diesen Armeniern wohnten die meisten in den sechs östlichen Provinzen und in Städten, die eine militärische Kommunikationslinien (mit der Russischen Armee, Anmerk.d.Red) bildeten. Die Regierung und das osmanische Militär waren nicht in der Lage, diejenigen Armenier zu identifizieren, welche diese Revolutions-Komitees unterstützten. Aus diesem Grund haben sie ein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis entwickelt und alle Armenier, die in bestimmte Regionen wohnten, deportiert. 1917 lebten im Westen der jetzigen Türkei 350.000 Armenier.

Das KEF hat bei der Wahl 1908 den Armeniern umfangreiche Rechte versprochen und ist mit ihnen in eine Koalition eingegangen. Aber nach Wahlen hat sie ihre Versprechen nicht eingehalten. Die enttäuschten Armenier haben sich dann wieder den revolutionären Methoden zugewandt. Wenn nun die KEF ihre Versprechen eingehalten hätte, hätte die Tragödie dann dennoch stattgefunden?

Eine Minderheit in einen politischen Prozess einzubinden, würde selbst im besten Falle Probleme mit sich bringen. Man kann das strukturelle Ungleichgewicht nicht dadurch verändern, indem ein oder zwei Abgeordnete vorhanden sind. Die Frage lautet: „Hätte das KEF etwas unternehmen können, um die Armenier zufrieden zu stellen?“ Meine Antwort darauf ist: Nein.

Kann die Türkei im Friedensprozess mit den Kurden auf Lehren aus dieser Zeit zurückgreifen?

Kann die AKP etwas tun, um die Kurden im Osten der Türkei zufrieden zu stellen? Meiner Meinung nach: Nein. Die Kurden im Osten werden immer unglücklich sein. 

In der Regierungserklärung vom 31. Mai 1915 beschließen die Osmanen bei der Bekämpfung armenischer Aufständischer neue Methoden einzusetzen. Worin unterscheiden sich diese Methoden von den früheren?

Die osmanische Regierung war zum ersten mal in einer Situation, in der sie mit militärischen Maßnahmen nicht in der Lage war, die Aufstände niederzuschlagen. Traditionell sind die Osmanen bei Aufständen mit militärischen Maßnahmen vorgegangen. Im Frühling 1915 war das Militär nicht in den Kasernen und das Verteidigungsministerium war gezwungen, eine andere Lösung zu finden. Als Lösung bevorzugte man die Maßnahme, Armenier, die direkt in Frontnähe wohnten, umzusiedeln. Auch wenn die Umsiedlungs-Maßnahmen für die Osmanen neu waren, wurde sie von Großmächten oft angewandt.

Sie haben in Ihrem Buch der Umsiedlungspolitik der Spanier auf Kuba, der Amerikaner auf den Philippinen und der Engländer in der Burenrepublik ein eigenes Kapitel gewidmet. Wollen sie damit sagen, dass diese Staaten zuerst vor der eigenen Haustür kehren und sich der eignen Geschichte stellen sollten bevor sie über 1915 urteilen?

Nein, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, hat damit nichts zu tun. Ich will damit nur zeigen, dass Umsiedlungs-Maßnahme mit dem Ziel die Aufstände niederzuschlagen keine osmanische Erfindung ist. Diese Methode wurde vor dem Ersten Weltkrieg von Großmächten angewandt. Auch darf nicht vergessen werden, dass die Osmanische Regierung die Armenier nicht dauerhaft außerhalb der Landesgrenzen umsiedelte. Sie wollte, dass sie nach dem Krieg in ihre Häuser zurückkehrten.

Wäre es zur Umsiedlung gekommen, wenn die Armenier nicht mit den Russen zusammengearbeitet hätten?

Meiner Meinung nach wäre es nicht dazu gekommen, wenn berühmte revolutionäre armenische Anführer wie Andranik, Dro und Boghos Nubar nicht die Nähe der Russen, der Engländer und der Franzosen gesucht hätten. Vergessen Sie nicht, dass die Armenier und sogar Mitglieder des Komitees 1914 die Position vertraten, dass die osmanischen Armenier sich an die Gesetze halten sollten und die osmanische Regierung unterstützt werden sollte. Sie haben vorausgesehen, dass armenischen Aufstände zur Vernichtung des Eigentums und des Lebens führen würden. Trotz alledem haben die Aktionen einiger weniger einflussreicher Einzelpersonen der Mehrheit der Armenier, die lediglich Zuschauer waren, großes Leid zugefügt.

Ihr Standpunkt unterscheidet sich sehr stark von der eurozentrischen Geschichtsschreibung und von den Thesen der Armenier.

Ich bin kein Historiker, der sich sich mit politischen, humanistischen oder sozialen Perspektiven beschäftigt. Ich bin ein Militärhistoriker und ich bin der erste Militärhistoriker, der die Deportation der Armenier 1915 im Kontext eines Weltkrieges behandelt. Viele Türken und Armenier wollen, dass ich mich an der Völkermord-Debatte beteilige. Die Diskussion über menschliche, politische oder soziale Aspekte des Themas sind natürlich wichtig. Wenn man aber die militärischen Bewegungen des Ersten Weltkrieges aus der Perspektive eines Militärhistorikers betrachtet, so ist ihre Bedeutung relativ. Ich sage zu denjenigen, die meinen Ansatz kritisieren: Einen Militärhistoriker nach menschlichen und sozialen Aspekten der Geschichte zu fragen ist so, als ob sie einen Zahnarzt oder Chirurgen fragen, ob sie an Krebs erkrankt sind oder nicht. Falls sie befürchten, dass sie Krebs haben, so müssen sie zu einem Onkologen gehen.

Zehntausende Armenier sind bei der Vorbereitung oder auch während der Deportation umgebracht worden und andere den schlechten Reisebedingungen zum Opfer gefallen. War dies eine Art Rache der Osmanen an ihnen?

Warum dies so war, dazu gibt es einige Erklärungen. Viele Historiker glauben, dass der Neid der Osmanen auf die Armenier seit mehreren Generationen bestand. Dies hat die Gräueltaten begünstigt.

Ist es so, dass man den menschlichen Bedingungen der Deportation nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt oder sie vernachlässigt hat?

Es gibt keinen Zweifel daran, dass die osmanische Regierung nicht ernsthaft über die Folgen der Deportation von hunderttausenden Armeniern nachgedacht hat. Natürlich fehlte es der Regierung an genügend Mitteln, um ihre Bürger zu ernähren, zu schützen und unterzubringen. Die Deportation wurde schlecht verwaltet. Die Deportationskonvoys waren Ziel krimineller Banden und ein leichtes Ziel von Provinzbeamten, die nicht ausreichend genug kontrolliert wurden. Ich möchte auch dazu sagen, dass die Hamidiye-Einheiten (Militärische Einheit im osmanischen Reich, die im Osten des Landes stationiert waren und meist aus Kurden, Turkmenen und anderen Völkern bestanden, Anm. d. Red.) vom Verteidigungsministerium bereits aufgelöst waren. Aber viele der Plünderer, welche die Konvoys angriffen, waren meist ehemalige Mitglieder der dieser Einheit.

Hat der ehrgeizige Charakter von Enver Pascha, seine Karriere als ein unkonventioneller Kriegsführer und die Konzentration von zu viel Macht in seinen Händen eine Rolle bei der Tragödie gespielt?

Ja. Das KEF war eine geheime, revolutionäre Gruppe, die, um ihre Ziele zu erreichen  auch auf terroristische Methoden zurückgriff.  Der eigentliche Kern des KEF hatte die osmanische Regierung gestürzt. Aus diesem Grund wussten führende Personen der Jungtürken wie Enver Pascha und seinesgleichen zweifellos wie gefährlich eine geheime revolutionäre Gruppe sein kann. Enver Pascha und seinesgleichen hatten auch Kenntnisse im Guerillakrieg und in der unkonventionellen Kriegsführung. Dieses Wissen führte zu einem Misstrauen gegenüber den revolutionären Komitees der Armenier.

In Ihrem Buch sprechen Sie von einer „gegenseitige Radikalisierung“ und vermeiden die Reaktion gegenüber den Aufständischen als Völkermord zu bezeichnen. Warum ist es kein Völkermord?

Ob es einen Völkermord gegeben hat oder nicht, das weiß ich nicht. Es kann einen Genozid gegeben haben oder auch nicht. Wenn man ehrlich sein sollte, gibt es keinen einzigen Beweis, einen Beleg oder einen offiziellen Eintrag, der dazu führt, dass dies von oben herab innerhalb des Staates vom Staat selbst gemacht wurde. Aber gleichzeitig kann man auch nicht beweisen, dass es keinen Völkermord gegeben hat. Ich unterstreiche nur diesen Punkt, dass es nur ein paar Menschen waren, die die armenische Bevölkerung in den sechs osmanischen Provinzen als gefährlich angesehen hatten. Aufgrund von Wahrnehmungen, dass die Armenier mit Unterstützung der Russen zeitgleich einen Aufstand vorbereiten würden, hat man sie aus militärischen Gründen deportiert. Sie sind nicht deportiert worden um getötet zu werden, sondern aufgrund einer Vorsorgemaßnahme des Militärs. Die Vorkommnisse von 1915 als Völkermord zu bezeichnen ist eine Vorverurteilung der Ereignisse ohne umfangreiche Beweise dafür zu haben.

Warum haben die Osmanen auch Armenier deportiert, die nicht im Zuständigkeitsbereich der 3. Armee waren?

Von allen Provinzen und Städten wurden osmanische Armenier deportiert. Die meisten stammten aus sechs Provinzen. Aber die Armenier im Westen, zum Beispiel Protestanten und Katholiken, auch Angestellte bei der Bahn, Regierungsbeamte oder Militärpolizisten und Soldaten wurden mit ihren Familien zusammen von der Deportation freigestellt. Die Regierung hat nur diejenigen deportiert, die einen Kontakt zur revolutionären armenischen Komitee hatten oder mit ihnen sympathisierten.

In Ihrem Buch erwähnen Sie, dass die Armenier für die Osmanen zu einem Existenzproblem geworden sind. Was meinen Sie damit?

Die Tatsache ist, dass in Ostanatolien die armenisch revolutionären Komitees die Fähigkeit und die Kapazität hatten die Kommunikationsmöglichkeiten der osmanischen Armee zu sabotieren. Was heißt das? Ganz einfach ausgedrückt: Man hatte die Möglichkeit die Versorgung der dritten Armee mit Munition und Nahrung, die zu der Zeit mit den Russen kämpfte, mit kleinen armenischen Gruppen, von denen es viele gab oder ein paar Leuten die in Knotenpunkten stationiert werden konnten, zu sabotieren. Bei einer Sabotage hätten dann die Russen unaufhaltsam vormarschieren können. Die Möglichkeit zur Realisierung von dieser Gefahr wurde von der osmanischen Regierung in ihren Sitzungen im März und April 1915 erkannt und viele Gutachten hatten das auch damals bestätigt. Die osmanische Regierung wollte einfach diese Gefahr verhindern und hatte dementsprechend gehandelt.

Wie sollte die diplomatische Reaktion der türkischen Regierung auf die Verbreitung der Armenier-Thesen sein?

1915 gab es die Republik Türkei nicht und wenn sie nach meiner ehrlichen Meinung fragen, sollte sie dagegen ihre Ohren verschließen.

Warum handelt sie dann nicht so, wenn die Sache so einfach ist? Will sie nicht das ihre Geschichte befleck und ihr Nationalstolz verletz wird oder hat sie Angst vor Reparationszahlung gar Forderung nach Boden?

Natürlich ist es ein Thema, das den Nationalstolz betrifft. Die heutigen Türken wollen nicht, das ihre Vorfahren als Mörder eines Volkes etikettiert werden. Die Anerkennung des Armenier-Völkermordes von Parlamenten ist etwas anderes als das Urteil eines internationalen Gerichts. Ich glaube nicht, dass es rechtlich möglich ist die Reparationsforderungen an die Türkei zu stellen. Denn nach dem Völkerrecht ist es nicht ganz klar, ob die Türkei die Fortsetzung des Osmanischen Reiches ist oder ein Folgestaat. Kann ein Deutscher, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus Ostpreußen vertrieben wurde, Polen anklagen? Kann ein Mexikaner, dessen Vorfahren in heutigem Arizona Boden besaßen dieses heute zurückfordern? Soll die USA wegen dem „Tränenmarsch“ der Cherokee Indianer, bei der fast 90 Prozent ums Leben gekommen sind, Wiedergutmachung an die Nachkommen zahlen? Das sind Fragen mit denen sich internationale Gerichte am liebsten nicht beschäftigen wollen.

Wie bewerten Sie dann den Umstand, dass immer mehr Parlamente den Armenier-Genozid anerkennen?

Parlamente können keine Gesetze über die Geschichte verabschieden. Was für Folgen hat es, wenn ein Parlament ein Gesetz verabschiedet, das den Völkermord anerkennt? Türken und die Türkei sollten das überhaupt nicht zu Kenntnis nehmen. Meinungsfreiheit ist ein anderes Thema und europäische Gerichte fällen Urteile gegen die Gesetze, die das Leugnen des Genozids unter Strafe stellen. Um die Wahrheit zu sagen mache ich mir mehr sorgen um die Einschränkung der Meinungsfreiheit in der Türkei als um die sogenannten Leugnungsgesetze in Europa.

Wollen sie damit sagen, dass die autoritären Maßnahmen der Regierung in Ankara mehr schaden als die Gesetze, die Strafen für denjenigen vorsehen, der die Ereignisse von 1915 nicht als Völkermord sieht?

Die antidemokratischen Maßnahmen der türkischen Regierung, die die Meinungs- und Wahlfreiheit unterdrücken und ihre Bürger zwingen, bestimmte kulturelle und religiöse Handlungen zu vollziehen, schaden den langfristigen Interessen des Landes und seinem internationalen Ansehen mehr als die Gesetzte, die das Leugnen des Völkermordes unter Strafe stellen. Tatsächlich sind die Unterdrückungsmaßnahmen der türkischen Regierung so, als ob man Benzin ins Feuer gießen würde. Die Türkeigegner und diejenigen, die von Hass gegen die Türkei  erfüllt sind, können jetzt sagen: ‚Wir haben es euch doch gesagt. Die Türken ändern sich niemals. Sie waren immer so wie heute, Menschen die unterdrücken und Unrecht verüben.‘

Bei dem Text handelt es sich um einen Auszug aus einem Interview der Wochenzeitschrift Aksiyon.