Die vergangenen Tage waren bestimmt von der Armenier-Debatte. Handelt es sich bei der Tragödie von 1915, bei der während Zwangsdeportationen Zehntausende von Armeniern umkamen, ein Völkermord oder nicht? Für die deutsche Politik und den Großteil der interessierten Öffentlichkeit scheint die Antwort klar: Es war Völkermord! Für die türkische Politik und eine überwiegende Mehrheit der türkischen Öffentlichkeit, zu der man auch die Türken in Deutschland zählen sollte, ist die Antwort auch klar: Es war kein Völkermord! Der Historiker Prof. Dr. Kemal Çiçek gilt als einer der wichtigsten Experten in diesem Themengebiet und vertritt die Position, dass es kein Völkermord war. Er arbeitet mittlerweile fast seit 25 Jahren an dem Thema. Sein letztes Buch „The Great War and the Forced Migration of Ottoman Armenians“ ist in Großbritannien vom renommierten Verlag Athol Books veröffentlicht worden.

Im Interview mit dem türkischen Wochenmagazin Aksiyon, das wir im Folgenden in Auszügen wiedergeben, spricht Çiçek darüber, wie die Tragödie von 1915 zu einem Thema der internationalen Politik geworden ist, wie der Genozid-Begriff den Weg in die Fachliteratur der Sozial-und Geschichtswissenschaften fand und was die Türkei in diesem Zusammenhang falsch gemacht hat.

Worauf basiert die Annahme eines Völkermordes und wie ist sie entstanden?

Die Grundlage ist Kriegspropaganda. Während des Ersten Weltkrieges haben alle Staaten Propaganda betrieben, um ihren Feinden Angst einzujagen, sie zu demoralisieren und ihre Geschlossenheit zu brechen. Großbritannien und Deutschland waren damit sehr erfolgreich. Der deutsche Generalstab hat sogar die Propagandaaktivitäten der Osmanen geleitet. Es war die Priorität der Deutschen, ihre deutschen und österreichischen Landsleute davon zu überzeugen, mit den muslimischen Osmanen in den Krieg zu ziehen, die jahrelang als Feinde und als kranker Mann am Bosporus dargestellt wurden.

Großbritannien wiederum hatte das Ziel, die Öffentlichkeit zu manipulieren, um die Vereinigten Staaten an seiner Seite in den Krieg zu ziehen. Die Briten konzentrierten sich auf die Armenierfrage, weil seit den 1820er Jahren der Missionarsverein American Board in Anatolien aktiv war und als Folge dieser Aktivitäten die amerikanische Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert war. Ohnehin war es für die Briten seit dem Berliner Abkommen nicht schwer, dieses zu tun, weil sie sich in der Armenierfrage als Nebenkläger sahen. Dank Wellington House, das mit dem Ziel, Propaganda zu betreiben, gegründet wurde und genialen Historikern wie Arnold Toynbee waren sie sehr erfolgreich. Es darf nicht vergessen werden, dass vor der Entscheidung zur Vertreibung, direkt nachdem am 24. April armenische Untergrundaktivisten verhaftet worden sind, osmanische Staatsmänner beschuldigt wurden, Kriegsverbrechen zu begehen und Armenier schlecht zu behandeln. Obwohl im ersten Monat der Vertreibungen nur knapp 10 Prozent derjenigen deportiert wurden, die von der Maßnahme betoffen waren, gab es damals bereits Diplomaten und Missionare, die behaupteten, es seien eine Million Armenier getötet worden.

Was heißt das?

Was ich sagen will, ist folgendes: Als noch nichts geschehen war, kursierten bereits die ersten „Massaker“-Anschuldigungen. Das heißt, dass diese Anschuldigungen unabhängig davon sind, was wirklich geschehen ist. Sie sind dazu da, den Feind abzuschrecken und zu schwächen. Das ist politisch motiviert. Das ist Propaganda. Es diente dazu, die USA an der Seite Großbritanniens in den Ersten Weltkrieg zu ziehen.

Und nach dem Krieg?

Die zweite wichtige Propagandawelle, während der „Massaker an den Armeniern“ behauptet wurden, begann nach dem Krieg. Während der Pariser Friedenskonferenz hat man ehemalige Diplomaten und Missionare Bücher, Abhandlungen, Broschüren und Zeitungsartikel schreiben lassen, um die Errichtung einer „Armenischen Heimatstätte“ zu unterstützen. Ich behaupte nicht, dass alles, was geschrieben und verbreitet wurde, komplett erlogen war. Ich sage nur, dass es aus Sicht der westlichen Mächte notwendig war, für das Thema eine Öffentlichkeit und öffentliche Meinung zu schaffen.

Warum?

Um die Errichtung eines armenischen Staates zu unterstützen. Hierfür wurde der Völkermord-Vorwurf unhinterfragt als Grundlage hingenommen.

Wie war die Wirkung auf internationaler Ebene?

Hier gibt es ein sehr interessantes Detail; in Großbritannien und den USA, beides Länder, die während des Krieges diese Propaganda verbreiteten, wurden keine Gesetze verabschiedet, welche die Türkei des Völkermordes beschuldigen. Auch in Deutschland wurde kein Gesetz, das die Ereignisse von 1915 als Völkermord bezeichnet, angenommen. Und das, obwohl Lepsius berühmtes Buch „Deutschland und die Armenier“ – das die wichtigste Quelle für die Untermauerung der armenischen Thesen ist – in Deutschland veröffentlicht wurde. Es muss auch an diesen Aspekt gedacht werden. So konnten die Diaspora-Armenier letztendlich durch ihre Lobbyarbeit einen wichtigen Erfolg verbuchen. Vielleicht kann man sich damit trösten, dass es nur 22 Länder sind, welche die Ereignisse als Völkermord einstufen. Aber wichtiger ist, dass es der armenischen Diaspora gelungen ist, die Vertreibungen gegen die Armenier in der sozialwissenschaftlichen Literatur als Völkermord zu etablieren. Dieser Umstand sollte unseren außenpolitischen Entscheidungsträgern ernsthaft zu denken geben.

Wie bewerten Sie es, dass mittlerweile auch Papst Franziskus von „Genozid“ spricht?

Das ist sehr wichtig. Es sieht so aus, als hätte der Westen das, was er über Gesetze nicht erreichen konnte, über den Papst zu erreichen versucht. Die Aussage des Papstes erhöht den Druck auf die Türkei. Zudem wird die gesamte katholische Welt die Ereignisse automatisch als „Völkermord“ einstufen. Schade, dass es soweit gekommen ist!

Die Armenier haben in den vergangenen 100 Jahren ihre Sicht durchgehend auf der Agenda gehalten und tun das immer noch. Wie erklären Sie sich anhand dieser Tatsache das Desinteresse der türkischen Gesellschaft?

Die Menschen in der Türkei sind sich der Ernsthaftigkeit der Genozid-Anschuldigung nicht bewusst. Viele glauben, dass die Anschuldigungen nur aus der Frage bestehen, „Warum habt ihr die Armenier umgebracht?“. Sie erwidern diese Frage mit: „Auch in unserer Region sind einige Armenier ermordet worden. Mein Großvater hat erzählt, dass er das gesehen hat.“ Nun ist Genozid aber eine sehr schwerwiegende Anschuldigung. Eines Genozides ist man schuldig, wenn man an einer Gruppe von Menschen aus religiösen, nationalen oder ethnischen Gründen geplant und mit einem im Vornherein gefassten Vorsatz, sie zu vernichten, Massaker oder Morde verübt. Das heißt, es beinhaltet immer Hass. Es zählt zur verwerflichsten Schuld, die es gibt.

Es gab keine Entscheidung der Osmanen, eine Gruppe ihrer Religion wegen oder nur weil sie Armenier sind, ganz oder teilweise auszulöschen. Die osmanische Regierung hat die Armenier nicht gehasst. Auch das Volk nicht. Deswegen wurde ein Drittel von der Zwangsumsiedlung ausgeschlossen. Die Menschen haben den Armeniern während der Deportationen geholfen. Hätten sie das getan, wenn sie die Armenier gehasst hätten? Kurz gesagt, Rassismus ist diesem Land fremd und Deportationen sind auch nach der Konvention der UN kein Völkermord.

Waren während der Zwangsumsiedlung nicht viele armenische Beamte im Amt?

Talat Pascha hatte in seinem engen Beraterstab 1917, also im dritten Jahr des Krieges, Hallaçyan Efendi, einen Armenier. Als am 24. April in Istanbul die aufständischen Armenier festgenommen wurden, haben sogar sogenannte türkischen Nationalisten sich dafür eingesetzt, dass sie freigelassen werden. Es gab sehr viele armenische Soldaten und Offiziere in der osmanischen Armee und in Behörden und Ämtern haben viele Armenier ihre Arbeit fortgeführt. Während der Umsiedlung sind viele Armenier von Banden umgebracht worden, jedoch hat der Staat sie zur Rechenschaft gezogen, indem er sie vor Gericht gestellt hat. Die Behauptung, die Soldaten in Yozgat, Kastamonu und Urfa hätten verschlüsselte Befehle erhalten, die Armenier zu töten, ist nicht richtig. Manche Beamte waren gegen die Vertreibung und sind deswegen auch vom Dienst suspendiert worden.

Wäre das Problem gelöst, wenn die Türkei die Ereignisse von 1915 als Völkermord anerkennen würde?

Diejenigen, die so argumentieren, kennen sich mit der Thematik nicht aus. Als ich 2005 Armenien besuchte, habe ich gesehen, dass die Anerkennung des Völkermords, die Reparationszahlungen und die territorialen Ansprüche (die „3 T-Politik“), Staatspolitik ist. Überall hingen offizielle Plakate, die diese Forderungen unterstrichen. In der armenischen Verfassung ist von Ostanatolien als „Westarmenien“ die Rede. Natürlich ist es schwer, dass ein kleines Land Territorium zurückbekommt, aber es geht ja eigentlich um Reparationszahlungen.

Hat die Türkei ausreichend Aufwand betrieben, um Anerkennung für ihre These zu finden?

Wenn wir ausreichend gearbeitet hätten, würden uns nicht 22 Länder des Völkermordes bezichtigen. Dann wäre es auch nicht in dieser Weise in die Fachliteratur eingegangen. Man muss sich sehr gut mit dem Ersten Weltkrieg und Minderheitenpolitik auskennen. In den letzten zehn Jahren wurden in dieser Hinsicht große Schritte unternommen und Archive geöffnet. Aber man kann immer noch nicht behaupten, dass wir reichlich Fachliteratur in englischer Sprache veröffentlicht hätten. In vielen Ländern wurde die Genozid-Forschung als wichtiges Forschungsfeld etabliert und Institute gegründet. Die Türkei liegt auf diesem Feld weit zurück.