Deutsche lernen begeistert Türkisch - die Deutschlandtürken nicht

Seit gestern ist in Deutschland ein neuer Trend in aller Munde. „Deutschland lernt Türkisch!“ titelte bild.de. Neben Berliner Sprachschulen erfuhren besonders die Sprachzentren an den Unis deutscher Großstädte eine große Resonanz. Die Uni Hamburg verzeichne fast eine Verdopplung ihrer Türkisch-Sprachschüler seit 2009, die Ludwig-Maximilians-Universität in München gar eine Verdreifachung.

„Das plötzliche Interesse ist erstaunlich und so groß wie noch nie“, sagte Elke Roessler, Leiterin des Sprachenzentrums der Berliner Humboldt-Uni zu bild.de. „2008 hatten wir nur nur zwei Türkischkurse, inzwischen sind es sechs. Es müssen immer wieder Studierende von Anfängerkursen abgewiesen werden“, erklärte auch der Sprecher der Uni München Clemens Grosse.

Auf eine weitere Besonderheit wies die Leiterin des Sprachenzentrums der Freien Universität Berlin, Dr. Ruth Tobias, hin: Junge Menschen ohne türkischen Hintergrund bringen – anders als noch vor ein paar Jahren – aus ihrem Umfeld erste Kenntnisse des Türkischen mit. Floskeln und Redewendungen sowie kurze Alltagskonversation würden längst im Alltag umgesetzt. Vor ein paar Jahren habe sie das noch nicht beobachten können. Immerhin sind bereits über sechzig Jahre vergangen, seit die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind.

Wirtschaftsaufschwung bringt besseres Image mit sich

Cem Şentürk vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung in Essen vermutet, dass wohl vor allem der wirtschaftliche Aufschwung der Türkei der Sprache ein besseres Image verleihe. 80 000 türkische Unternehmer liefern auch an deutsche Unternehmen, 5000 deutsche Unternehmen investieren in die Türkei. Seitdem die AKP die Macht übernommen hat, erlebt die Türkei einen großen wirtschaftlichen Aufschwung. Innerhalb der letzten vier Jahre ist das BIP um 17,8 Prozent gestiegen.

Auch das Erasmus-Programm, das es seit 2004 zwischen der Türkei und Deutschland gibt, spielt eine wichtige Rolle. Es begann mit knapp 100 Austauschstudenten, heute sind es 700 Deutsche, die jährlich für ein oder zwei Semester in die Türkei gehen. Viele Studenten lernten heute die Sprache auch, weil sie sie für ihre zukünftige wissenschaftliche oder berufliche Tätigkeit brauchten, bei Studien und Projekten mit dem Land oder bei Stiftungen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs).

Nicht zuletzt ziehe die Bosporusmetropole Istanbul nicht nur junge Türken, sondern auch Deutsche als Wirtschaftszentrum und Weltstadt an. Es handle sich um eine „total hippe“ Stadt, wie Karin Yeşilada von der Uni Paderborn und Mitarbeiterin am Projekt Türkisch-Deutscher Kulturkontakt- und Transfer, erklärt. Anders als noch vor ein paar Jahren sei die Stadt unter jungen Menschen als Studien-, Arbeits- oder gar Lebensort sehr beliebt.

Türken zeigen kein Interesse an ihrer Muttersprache

Hingegen gibt es einen anderen Trend, der ebenso überrascht: Das Interesse am Türkischunterricht in Deutschland nimmt zunehmend ab. Im Land Nordrhein-Westfalen, wo die höchste Anzahl an türkischen Bürgern und türkischstämmigen Deutschen befindet, hat sich die Zahl der Teilnehmer am Unterricht um bis zu 20% vermindert. Experten raten mit Blick auf die Zukunft der türkischen Sprache unverzüglich zu einer Mobilisierung auf individueller und institutioneller Ebene und warnen, dass andernfalls eine türkische Bevölkerung in Deutschland entstehen würde, die aus „Türken, die kein türkisch sprechen“, bestünde.

Laut einer Untersuchung des Bildungsministeriums des Landes Nordrhein-Westfalen, wo mehr als ein Drittel der Betroffenen leben, nehmen von 280.000 türkischstämmigen Schülern im Bundesland nur 56.500 am Türkischunterricht teil. Von diesen Schülern nehmen 50.000 an muttersprachlichem türkischem Unterricht teil, 6.500 an einigen Oberschulen und Gymnasien lernen Türkisch als zweite Fremdsprache. Diese Information des Ministeriums beweist, dass die Teilnahme türkischstämmiger Schüler am Türkischunterricht geringer ist als erwartet und um die 20% liegt. Andernorts in Deutschland ist die Situation nicht wesentlich anders.

„Türken werden zu einer Gesellschaft, die kein Türkisch sprechen kann“

Der türkische Generalkonsul in Köln, Kemal Basa, der die Beteiligungsentwicklung am Türkisch-Unterricht auswertet, erklärt: „Meine Befürchtung ist es, dass sich die Türken in Deutschland zu einer Gesellschaft entwickeln, die kein Türkisch spricht. Mit Bedauern beobachte ich eine Generation, die nicht in der Lage ist, die türkische Sprache wenigstens als Basis für das Erlernen der deutschen oder einer anderen Sprache nehmen kann.“

Basa erinnert daran, dass diese Situation sich völlig von jener vorheriger Generationen unterscheidet: „Die zweite Generation ist in der Umgebung von Eltern aufgewachsen, die kein Deutsch konnten und nur Türkisch gesprochen haben. Dadurch ist das Türkisch der zweiten Generation relativ besser. Doch nun sind wir mit einer Generation konfrontiert, deren Eltern entweder nicht ausreichend Türkisch sprechen oder es vorziehen, ihren Kindern zu Hause gar kein Türkisch beizubringen – ein solches soziales Phänomen können wir momentan beobachten.“

Dabei sei der Gedanke, dass Eltern zu Hause mit ihren Kindern kein Türkisch sprechen sollten, sondern Deutsch, damit die Kinder die deutsche Sprache schneller erlernen könnten, wissenschaftlich und auf Grund von Erfahrungen als falsch entlarvt. Die jetzige Generation wäre jedoch dieser Idee zum Opfer gefallen.

„Wir sind an einer Bruchstelle angekommen“

Auch Dr. Yılmaz Bulut, Direktor des Yunus Emre Kulturzentrums Berlin (YETKM), teilte uns seine Meinung zu der Entwicklung mit: „Ich bin davon überzeugt, dass wir an der Bruchstelle, welche die Zukunft der türkischen Muttersprache bestimmen wird, angekommen sind. Wir müssen uns aufrappeln und zu uns kommen. Die Sprache ist der Schlüssel für die Wahrnehmung und Bewertung des eigenen Selbst für die kommenden Generationen. Sie ist die Heimat der Kultur und der Baustein einer Gesellschaft. Aus diesem Grund müssen wir uns der Bedeutung der Sprache bei der Bestimmung der Zukunft der in Europa lebenden Türken bewusst werden.“

Bulut – der der Meinung ist, ohne die Muttersprache könne weder eine gesunde und soziale Identität, noch ein individuelles Ego entstehen – betont außerdem, dass für die Rettung der Zukunft der türkischen Sprache unverzüglich auf individueller und institutioneller Ebene eine Mobilisierung stattfinden müsse. Statt auf nationalistische Rhetorik und politische Interessenpolitik sollte man sich auf die Produktion logischer Forderungen und die Lösung der Probleme bei der Entwicklung der Muttersprache konzentrieren: „Gleich im Anschluss muss beim Thema Türkisch in Deutschland die Umgestaltung des negativen politischen Klimas angestrebt werden. In den formalen Bildungseinrichtungen muss das Türkischangebot erweitert werden. Anstelle einer Herkunftssprache muss Türkisch als Muttersprache ab der ersten Klasse unterrichtet werden. Damit auch in den Mittel- und Oberschul-Bildungseinrichtungen Türkisch als Wahlfach gewählt werden kann, muss mit den entsprechenden Vorbereitungen begonnen werden. Zusätzlich zu den Unterrichtseinheiten in den Schulen sollte der Türkischunterricht auch in Bürgervereinen angeboten werden.“

„Für ein intaktes soziales Identitätsgefühl ist die Beherrschung der Muttersprache elementar“
Die türkischen und islamischen Bürgerorganisationen in Deutschland, wie DITIB, ATIB, UETD, IGMG, VIKZ, Föderation der Verbände der türkischen Eltern in Deutschland und NRW , Türkische Föderation oder die Föderation der Verbände der türkischen Lehrer in Deutschland (ATÖF, welche sich der Erosion der türkischen Sprache in Deutschland bewusst sind, hatten am 31.März letzten Jahres mit der Schaffung einer gemeinsamen „Türkischen Plattform“ einen gemeinsamen türkischen Workshop gegründet.

Rafet Öztürk (DITIB), der die Situation der Plattform – in welcher sich auch die „Zaman Europa“ befindet – bewertet, berichtet aus seinem eigenen Alltag: „Am Türkischunterricht, der für die Entwicklung einer Identität sehr wichtig ist, nehmen 223.000 Schüler nicht teil. Das ist ein Verlust sowohl für die hier lebenden Türken als auch für das Land. Jugendliche, deren Identität und Persönlichkeit nicht entwickelt sind, schaden einer Gesellschaft mehr als dass sie ihr nützen.“