FSA-Sprecher: „Wir brauchen keine Dschihadisten“

Seit längerem ist bekannt, dass sich einige Männer aus Europa und den arabischen Staaten nach Syrien begeben, um sich dort meist rein sunnitischen Rebellengruppen mit extremistischen Ansichten, wie etwa der Dschabhat an-Nusra (Nusra-Front), anzuschließen. Deren erklärtes Ziel ist es, in Syrien nach dem Sturz Assads ein islamisches Kalifat zu errichten und die alawitische Minderheit für ihre Unterstützung des Regimes zu bestrafen.

Doch die ausländischen Kämpfer sind nicht bei allen Rebellenbrigaden willkommen, da sie meist über keine militärische Erfahrung oder eigene Ausrüstung verfügen und so oft mehr Last als Hilfe sind. Es existieren jedoch auch radikale sunnitische Kämpfer in Syrien – beispielsweise aus Libyen, dem Libanon, dem Irak oder Tschetschenien – die über reichlich Kampferfahrung und teilweise sogar über eigene Waffen verfügen. Doch ihre Präsenz in Syrien schadet der Opposition massiv, da die Angst der westlichen Staaten vor radikalen Kräften geschürt und so die Bereitschaft zur Bewaffnung der Rebellen minimiert wird.

Ausländische Extremisten schaden der Opposition, weil sie die Bewaffnung durch den Westen verhindern

„Wir brauchen keine Dschihadisten und keine ausländischen Kämpfer, wir haben selbst genug Männer. Was uns fehlt, das sind Waffen“, erklärt Malik al-Kurdi, ein Sprecher der von Deserteuren gegründeten Freien Syrischen Armee (FSA). Tausender Syrer, oft ehemalige Soldaten mit militärischer Ausbildung haben sich in etlichen Brigaden organisiert und kämpfen gegen die reguläre syrische Armee.

Auch bestehen ideologische Differenzen zwischen den Extremisten und anderen Rebellenbrigaden. Die politische Einstellung der Einheiten ist je nach Brigade unterschiedlich. Doch alle eint (bislang) der Kampf gegen das brutale Assadregime – und der Mangel an Ausrüstung, Munition und Waffen. Nach dem Sturz des Regimes von Präsident Baschar al-Assad werde es daher für die ausländischen Kämpfer keinen Platz mehr in Syrien geben, betont al-Kurdi. „Wir sagen ihnen dann ‚Vielen Dank und Auf Wiedersehen’“, sagte der FSA-Sprecher.

Der scheidende Vorsitzende der oppositionellen Nationalen Syrischen Koalition, der islamische Prediger Muas al-Chatib, drückte es in seiner Rede beim Gipfel der Arabischen Liga diese Woche etwas diplomatischer aus. Er berichtete, viele Mütter hätten ihm geschrieben, darunter auch eine Französin und eine Frau aus den Niederlanden. „Sie berichteten mir, ihre Söhne seien nach Syrien in den Dschihad gezogen und fragten, ob ich damit einverstanden sei.“
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al-Chatib: Statt in Syrien zu kämpfen, sollten ausländische Kämpfer lieber für ihre Eltern sorgen

Er habe ihnen daraufhin geantwortet, dass er verstehen könne, dass Muslime anderer Nationalitäten angesichts der Brutalität des Regimes gegen das syrische Volks den Wunsch verspürten, an der Seite ihrer syrischen Brüder zu kämpfen. Dies sei aber nicht immer der beste Weg, „denn wenn einen die Eltern brauchen, und auch wenn die Eltern nicht Muslime sind, dann ist auch der Dienst, den du deinen Eltern erweist, ein Dienst für Gott“.

Bereits im Mai 2012 äußerte der Menschenrechtsaktivist Haitham Manna (61) vom Nationalen Koordinationskomitee für Demokratischen Wandel (NCC) seine Sorge über Glaubenskämpfer aus dem Ausland: „Einige der sogenannten Dschihadisten (Gotteskrieger) kommen über die Türkei, den Libanon, Saudi-Arabien und Jordanien nach Syrien. Sie wenden die Taktik Al-Kaidas an, um die Lage im Land zu verschärfen. Als unabhängiger Oppositioneller lehne ich die Anwesenheit jedes nicht-syrischen Akteurs ab. Ich plädiere für eine strengere Überwachung der syrischen Grenzen, um diese Aufständischen davon abzuhalten, die explosive Lage zu beeinflussen.“

Junge Männer aus Europa – oft mit salafistischem Hintergrund – versuchen nach Syrien zu gelangen

Auch aus Deutschland sind bereits Personen nach Syrien aufbrochen. Nach Recherchen der Zeitung „Stuttgarter Nachrichten“ plane etwa der 19 Jahre alte Deutsch-Tunesier Ibrahim M. Aus Pforzheim ohne gültige Papiere über die Türkei in das Bürgerkriegsland reisen und sich dort einer Dschihadisten-Brigade anschließen. Die deutschen Behörden hatten ihm zuvor den Reisepass entzogen und den Personalausweis entzogen, weil er bekundet hatte, sein Ziel sei es, in den „Heiligen Krieg“ zu ziehen. Ibrahim M. war im Mai 2012 an den gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen radikalen Salafisten und der Polizei in Bonn beteiligt gewesen.

Viele der jungen Männer, die sich zum Kämpfen nach Syrien begeben wollen kommen dort jedoch nie an. Die meisten von ihnen stehen in Europa ohnehin unter polizeilicher Beobachtung und werden unterwegs abgefangen. In Rotterdam setzte die Polizei im vergangenen November drei Männer im Alter von 22, 23 und 33 Jahren fest, die über die Türkei an die syrische Front ziehen wollten. Auch die türkische Polizei griff Mitte April 2012 in der Grenzprovinz Hatay den Österreicher ägyptischer Herkunft Mohamed Mahmoud auf. Gemeinsam mit ihm sollen auch mehrere deutsche Extremisten festgesetzt worden sein, die ebenfalls auf dem Weg nach Syrien waren.

Tunesien: Diskussion um Fatwa zu Kurzzeit-Ehen für Dschihadisten

Diejenigen, die es trotzdem über die libanesische, türkische oder jordanische Grenze schaffen, erwartet ein blutiger Konflikt, der jeden Tag etliche Opfer fordert und dessen Ende jeden Tag in weitere Ferne rückt. Der Bürgerkrieg in Syrien droht auf Grund von äußeren Einflussen, der zunehmenden Konfessionalisierung des Konflikts und der zersplitterten, sich teilweise untereinander misstrauenden Rebellenbrigaden auch nach dem möglichen Sturz Assads fortzusetzen.

Die europäischen Geheimdienste plagt nun die Sorge, dass Dschihadisten, die den Krieg überleben, eines Tages ideologisch aufgerüstet und kampferprobt nach Deutschland, Österreich, Schweden, Großbritannien oder in die Niederland zurückkehren.

Die Rekrutierung der Dschihadisten treibt zuweilen absonderliche Blüten. In Tunesien wird in diesen Tagen über eine anonym veröffentlichte „Fatwa“ (islamisches Rechtsgutachten) diskutiert, die muslimische Frauen auffordert, sich den „Gotteskriegern“ in Syrien als Kurzzeit-Ehefrauen zum Lustgewinn zur Verfügung zu stellen. Nach Recherchen der arabischen Zeitung „Al-Hayat“ sind mindestens 13 Tunesierinnen dieser Aufforderung gefolgt. Der tunesische Minister für religiöse Angelegenheiten, Nourredine Khadmi, hat Frauen jetzt davor gewarnt, auf derartige Ansinnen zu reagieren, „die unserer Gesellschaft fremd sind“. (dpa/dtj)