Eine Abbildung von Piri Reis und seiner berühmten Weltkarte.

Die osmanische Flotte entwickelte ihre größte Stärke und errang ihre größten Siege im 16. Jahrhundert. Berühmte osmanische Seefahrer wie Oruç Reis, Piri Reis, Turgut Reis und Uluç Ali Paşa trugen Entscheidendes zur Übermacht der Osmanen im Mittelmeer bei. Erst nach dem Ende der Ära des Korsaren Barbarossa, ungefähr 20 Jahre später, erlitt das Reich Rückschläge auf Malta und bei Lepanto.

Es mag sein, dass Piraten früher keinen guten Ruf hatten. Sie waren überall gefürchtet, insbesondere im Mittelmeer. Mittlerweile hat sich ihr Bild etwas gewandelt. Sie gelten schon fast als eine Art Vorbild für Kleinkinder, die sich zu Karneval gerne als Piraten verkleiden, kommen oft in weltberühmten Filmen wie „Fluch der Karibik“ oder bei Spielen wie „Assassin‘s Creed – Black Flag“ vor.

Der „Pirat“ Sultan Selims

Im heutigen Artikel soll es aber weder um Karnevalskostüme noch um Filme gehen, sondern um eine reale Persönlichkeit, die das Mittelmeer wie seine Westentasche kannte; ein Korsar bzw. Pirat, wie die Europäer ihn nannten. Die Osmanen bevorzugten den Titel Kapudan Pascha, dies war der höchste militärische Rang der osmanischen Marine. Bis er sich jedoch diesen Rang verdienen konnte, musste er zusammen mit seinem Bruder mehrere Erfolge erringen. Zunächst eroberten beide weite Teile Nordafrikas, entwickelten sich im Mittelmeerraum zu gefürchteten Namen für ihre Gegner und erweckten schließlich das Interesse Sultan Selims I., der damals zu den mächtigsten Herrschern Europas gehörte.

Die Rede ist von Hızır Hayreddin Barbarossa, dem wohl berühmtesten Seefahrer der osmanischen Geschichte. 1478 wurde er auf der in der Ägais gelegenen Insel Lesbos als jüngstes von sechs Kindern geboren. Sein Vater war ein ehemaliger Kavallerieoffizier, seine Mutter Griechin. Barbarossas Weg war bereits früh vorgezeichnet, seine älteren Brüder waren, trotz des Widerstandes ihres Vaters, in den Mittelmeerhandel involviert. Erst im Alter von 26 Jahren verließ Barbarossa zusammen mit seinem ältesten Bruder Oruç Reis Lesbos in Richtung Nordafrika – der Beginn einer goldenen Ära für die osmanische Flotte.

Zunächst zurück in die Gegenwart: Vor ungefähr einem Monat hatte ich eine Westeuropa-Reise durchgeführt. Eigentlich war das Endziel dabei Andalusien im heutigen Spanien, danach aber entschieden mein Musiklehrer, mit dem zusammen ich die Reise machte, und ich, auch Marokko zu besuchen. Auf der Reise besuchten wir mehrere schöne Städte, unter anderem auch Nizza, die „Perle der Côte d’Azur“.

Frankreichs König verbündet sich mit den Osmanen

Diese Stadt faszinierte uns auf den ersten Blick: Eine moderne, reiche und beliebte Küstenstadt. Unsere Erwartungen waren aber auch dementsprechend hoch. Am ersten Tag statteten wir jeweils der Einkaufsmeile und der Küste eine Visite ab. Die Altstadt, die uns sowohl durch ihre schönen engen Gassen als auch ihre Belebtheit mit temperamentvollen, freundlichen Menschen überzeugen sollte, erkundeten wir am darauf folgenden Tag.

Gehen wir aber zurück ins Jahr 1543, in die Nähe von Nizza, hätte die Situation noch ganz anders ausgesehen: Schiffe näherten sich damals der Stadt, die Osmanen hatten schon Villefranche–sur–Mer unter Kontrolle, ca. 5 km von Nizza entfernt. Franz I., König von Frankreich, sah in den Osmanen seine letzte Hoffnung, um wieder an den französischen Küsten sein Mitspracherecht wiederzuerlangen, da der genuesische Großadmiral Andrea Doria, zuvor ein getreuer Anhänger Frankreichs, seine Dienste am Ende doch dem spanischen Herrscher zur Verfügung gestellt hatte. Ein Bündnisabkommen mit Sultan Süleyman hatte Franz I. schon sieben Jahren zuvor unterzeichnet. Innerhalb von zwei Wochen nach der erfolgreichen Eroberung der Stadt (nicht jedoch der Burg) zieht sich die osmanische Flotte für den Winter nach Toulon zurück.

Wir bewegen uns mittlerweile wieder in der Altstadt und sehen den Markt von Nizza, außergewöhnlich geordnet und sauber, bevor wir uns in den historischen Gassen verlaufen: Die Rue Droit ist nun der Grund dafür, dass wir angefangen haben, Nizza noch detaillierter zu untersuchen. Hier finden wir eine osmanische Kugel an der Wand zum Andenken an das Jahr 1543. Unser Abendessen verschiebt sich somit um eine halbe Stunde…

Eine osmanische Kugel auf der Wand zum Andenken an das Jahr 1543. Rue Droit

„Wer Toulon sieht, der war so gut wie in Konstantinopel“

Die christliche Welt war über das Bündnis des französischen Königs mit den Osmanen mehr als verärgert. Nachdem Barbarossa und seine Gefährten in Toulon angekommen waren, wurde die Kathedrale auf Befehl des französischen Königs in eine Moschee umgewandelt, von den Kirchtürmen aus wurde fünf Mal am Tag zum Gebet gerufen. Selbst mit der osmanischen Akçe, der damals im Reich verwendeten Währung, konnte man in dieser Region schon sehr gut klarkommen. Ein damaliger Reisender meinte sogar: „Wer Toulon sieht, der war so gut wie in Konstantinopel“. Dank der günstigen geopolitischen Lage erlangte Hayreddin Barbarossa auch strategisch einen großen Vorteil gegenüber seinen Rivalen.

Dementsprechend musste Franz I. aber auch nach einem Lösungsweg suchen, um den Druck seiner Nachbarn umgehen zu können. Folglich einigte man sich darauf, dass Barbarossa 800 000 französische Goldmünzen und fünf Schiffe, voll mit Geschenken, dem Sultan Suleiman überbringt und nach einem Jahr somit die Stadt wieder verlässt. 1544 segelten die Schiffe Barbarossas dann auch zurück nach Istanbul.

Das war natürlich nur ein kurzer Einblick in die Geschichte des „Rotbärtigen“ (Barba Rojo) – zumal Barbarossa insgesamt ungefähr 30 Jahre lang im Mittelmeer aktiv sein sollte.

Diese Begegnung Nizzas mit einem Osmanen war nicht die Erste, aber auch nicht die Letzte. Gut ein halbes Jahrhundert vor Barbarossa war der Şehzade (Sohn) des Eroberers von Konstantinopel, Cem Sultan, schon als Gefangener in der Stadt. Und im 20. Jahrhundert sollte die osmanische Familie in schändlicher Weise durch die junge türkische Republik ins Exil geschickt werden.